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Castor 2003 mein Tagebuch von Sigrid Studynka Drucken E-Mail

Castor 2003 mein Tagebuch von Sigrid Studynka


Obwohl die eigentliche, heiße Zeit ja erst in der Woche vor dem Tag X beginnt, gibt es über das Jahr verteilt doch immer schon Nadelstiche, die einen nicht vergessen lassen. Ob es die "Nacht im Gleisbett" ist mit Platzverweis (für die Sanitäterin in Uniform!) und Bußgeld (der Widerspruch läuft immer noch), oder die Mahnwachen in Hitzacker, wo sich das hässliche Gesicht der Polizeimacht zeigt, wenn auf dem "nur einzeln die Gleise überqueren" bestanden wird, auch wenn man eine Verletzte stützen will (ich habe deshalb den ersten Leserbrief meines Lebens geschrieben, so empört war ich). Sogar jetzt mitten im Sommer sind jedes Mal mehrere Mannschaftswagen Polizei da, die sich zum Großteil auch bemühen, den starken Mann, der dem Bürger zeigt, wo's lang geht, hervorzuheben.


Langsam wird es deutlich, dass sich die Castorzeit nähert: Die Rundrufe melden die Neuigkeiten:
- Robin Wood besetzt den Verladekran
- Greenpeace schafft es, in die Festung des Probebergwerks einzudringen und besetzt einen Bohrturm
- (auch Robin Wood schafft dieses Abenteuer später noch, die Besatzung hat nichts gelernt)
- die Webcam läuft wieder, und mein immer noch unfertiger Widerstandsquilt verziert die Titelseite der EJZ


Auch die wöchentlichen Mahnwachen zeigen, dass der ruhige Sommer vorbei ist: Nicht mehr in Hitzacker, an der geschichtsträchtigen Seerauer Brücke treffen wir uns, und es sind bereits reichlich viele grün gekleidete Menschen da, um uns zu bewachen oder vom normalen Fußweg aufs holprige Feld zu scheuchen; das macht doch Spaß, anscheinend. Es scheint in jedem politischen System genügend Menschen zu geben, die es genießen, andere herumzukommandieren. Oder dann auch mal zu schubsen. Wir stellen bunt bemalte Sterne auf, und in Ihrer Mitte "zaubere" ich gute Wünsche auf uns alle herab. Wie schön Ilona Ziehharmonika spielt, und ich verstärke Birgits Mini - Chor. Das nächste mal wachen wir vor dem Verladekran, und das letzte mal wieder an der Seerauer Brücke - muß das eklig feucht sein in den Zelten am Flussufer!


Aber dann ist die Woche vor dem Tag X da: Meetings häufen sich, Castorgruppe, Sanis, Widersetzen, viel ist zu tun an Vorbereitungen. Wo steht ein Sammeligel am günstigsten, wollen Apotheken Material spenden, gibt es auch für 10 € Spendenquittungen, nicht auf den Senf für die Grillwürstel vergessen (!), ich brauch noch Sammeldosen, es wird hektisch.


Und dann ist der Freitag da: Anruf von der Sanizentrale: Schülerdemo in Lüchow begleiten. Letztes Jahr soll es dabei üble Szenen gegeben haben, mit Verletzten, deshalb bin ich da. Sie sind ein buntes Völkchen, die SchülerInnen, die da, von toller Reggae Musik (den Bambule Song hab ich trotz € 5.- bis heute nicht) begleitet, bis zur gut bewachten Lüchower Polizeikaserne ziehen. Einige sitzen Probe auf der Straße, ein Einsatzleiter ist nahe daran, die Nerven zu verlieren, und nur der "Einsatz" eines anderen Polizisten rettet die Situation, bevor sie ernstlich eskaliert. Komik am Rande: Ich als "offizielle" Person (Sanitäterin) werde gebeten, die Sitzenden doch zur Vernunft zu bringen! Die Mädchen und ich einigen sich, aufzustehen, bevor etwas passiert - es lohnt hier noch nicht. Alles geht gut aus, obwohl ein paar Eier zu Bruch gehen.


Und für mich beginnt Freitag morgen die Zeit, wo ich den Eindruck nicht los werde, dauernd auf den Füßen zu sein. Heute ist ja auch unser Grillfest in Neu Tramm! Es ist schon finster, als wir vom Jamelner Dorfplatz losfahren, ein paar Trecker sind auch dabei. Wir kommen bis oben vor die Kaserne, bauen den Grill und die finnischen Öfen auf, und dabei wird erzählt, wie gestern abend beim Holzfällen für diese "Öfen" ein Lehrstück wendländischen Widerstands stattfindet. Das Waldgrundstück gleich neben dem Eingang zur Polizeikaserne gehört, die Polizei will es nicht glauben, einem der Holzfäller! Man hätte dabei sein müssen, aber auch wenn Beate erzählt, ist es gut. Kleinkunst eben! Inzwischen sind die Würste gar und gehen reißend weg, es sind doch allerhand Leute da. Und die übliche Polizeikette, die sich eine blöde Schikane ausgedacht hat - große Runden muß gehen, wer zu seinem auf der gegenüber liegenden Seite geparkten Auto will. Dann fällt ihnen noch etwas ein, wie man uns ärgern kann, zwei springen in unseren Kreis und "löschen" den finnischen Ofen. Er hat zu viel gequalmt, wird behauptet - wer verlangt denn, dass sie da stehen? Dann nehmen sie das verkohlte Stück Holz auch noch weg! Das führt natürlich erst recht zu hitzigen Debatten.


Doch dann sind die Würste aus, wir packen ein und gehen. Ich jedenfalls kann beruhigt nach Hause, die neue Gasflasche, die wir heute vorher noch gekauft haben, hat ja die Standheizung im Bus zum Laufen veranlasst - mein Aufenthalt in Grippel ist gerettet. Und Samstag ist die große Auftakt Kundgebung. Fast wären wir zu spät gekommen, wir parken weit weg, bei der katholischen Kirche, damit wir es später, aus Splietau nicht so weit haben. Wir beeilen uns, wir wollen doch von Anfang an dabei sein! Der Dannenberger Marktplatz ist zum Platzen voll, und so dauert es auch ganz lange, bis sich alle durch das Nadelöhr der Marschtorstrosse drängen.


Wir folgen Doukkali, die auch wieder da sind - die sind phantastisch gut und mitreissend! Und je weiter wir hinauskommen aus der Stadt, desto deutlicher wird: Es sind unglaublich viele Menschen gekommen, und dabei ganz viele Junge! Ich bin so glücklich, eine Last ist von mir genommen - ich hatte echt Angst, der Widerstand würde mit mir zusammen alt werden. Aber hier ist er, der Nachwuchs, und wie lieb und tolerant mit uns Älteren, es ist sehr tröstlich. Der Zug geht am Verladekran vorbei, die Polizei hält sich fern, nicht so, wie ich es von anderen Situationen kenne, aber die Kette der grün - weißen Fahrzeuge ist sehr lang, fast so lang wie unser Zug. Wir biegen ab nach Splietau, die Trecker sind schon da, und so viele, es ist immer wieder beeindruckend. Die Wiese sieht jetzt schon voll aus, aber unser Zug ist noch lange nicht zu ende, die Wiese ist doch groß genug, wir rücken weiter durch. Martin Lemke und - wie heißt er noch - vom Republikanischen Anwaltsverein sprechen, sie haben die Demo ja auch angemeldet, wie letztes Jahr, als Zeichen gegen den Demokratieverlust. Und eine Aboriginee Frau ist da, die berichtet, was alles in der Wüste um Cobar Pady passiert ist, sogar oberirdische Atomtests, an denen viele Leute noch heute leiden. Unser Problem ist weiß Gott ein internationales!


Es ist nicht gerade warm, und das Stehen macht müde, wir lehnen an einem Trecker, und es ist toll, dabei zu sein. Es sind so viele Menschen da, dass man die, die man sucht, nicht findet. Unsere 4 Gäste - wir kennen sie vom letzten Jahr, sie kommen aus Remscheidt - sind da, bloß wo? Wir gehen quer über einen Acker Richtung Dannenberg, ich muß mich ein bisschen beeilen, abends ist Kino, und unsere Castorgruppe hat die Betreuung übernommen. Zu hause stehen jetzt 3 Wohn - VWs. Der Tisch wird verlängert, dass 6 gut Platz haben, schnell etwas essen, dann die Bauchläden und Sammelbüchsen raus und los, Bettzeug und sonstige Betreuung unserer Gäste muß Gerri übernehmen, denn um 7 wollten wir uns treffen, Beate bringt den Glühwein. Aber das Konzert der Greenpeace Band läuft, mit großen Verstärkern, eisern bis punkt 8. Der Film - Heinrich, der Säger - ist einsame Klasse, wenn die Polizei auftritt, jubelt das Publikum, aber es ist stockfinster, wir haben wenig Chancen, Geld zu kassieren. Die Temperatur fühlt sich eisig an, der Wind pfeift. Den Schluß des Films können wir nur sehen, über uns steht ein Hubschrauber und leuchtet uns und die Umgebung ab (vorher hat er versucht den Mond mit dem Scheinwerfer zu erreichen, wirklich wahr!). Dann sind auf einmal alle weg - ja, natürlich, einige Trecker haben sich bewegt, denen jagen sie nach. Viel Glück, ihr starken Freunde!


Todmüde und steifgefroren ab nach Hause ins Körbchen, morgen ist ja noch einmal ruhig - die Ruhe vor dem Sturm!


Das war allerdings ein Irrtum, denn eine SMS meldet Sonntag früh: "Robin Wood auf dem Bohrturm". Das kann doch nicht wahr sein! Nichts gelernt aus der Greenpeace Aktion? Später hören wir, dass die grünen Overalls der Robin Wood Aktivisten mit Polizeiuniformen verwechselt wurden! Wie auch immer, sie sind mit ihren Transparenten oben, wir unten winken, der Musikwagen kommt, Essbares taucht auf, und - das kann doch nicht wahr sein, Doukkali kommen noch einmal! Wir unten und die oben tanzen im gleichen Takt! Im Vorbeigehen bewundern wir die total verbeulte Schiebetür im Zaun, da ist die Polizei selbst hineingefahren.


Dann gehen wir zum Gorlebener Gebet. Die beiden Pastorinnen machen es sehr schön, die Brücke von der Erinnerung an den 9. November damals zu den Ereignissen heute, mit einer Prozession bis zum Eingang des Zwischenlagers. Wir singen, begleitet von Konfliktmanagern. Sollen die uns vor ihren Kollegen beschützen? Für Gerri ist es genug, er muß heim. Die anderen Beter treffen sich bei Santelmann, ich geh zurück zum Bergwerk, die Aktivisten sollen gleich rauskommen. Aber es dauert. Aus Langeweile in eine Diskussion mit einem Polizisten eingelassen - warum tu ich das? Er findet das auch ganz ok, dass sein Kollege damals die Waffe gezogen hat (letztes Jahr in Splietau gegen Beates Sohn auf einem Traktor, völlig ohne Grund, ich war dort). Er erklärt, dass er, wenn er im Dunkeln Autofahrer kontrolliert, auch die Waffe zieht!! Ich bin zwar fassungslos, aber um eine Erfahrung reicher. Also, in Zukunft Vorsicht bei Verkehrskontrollen!


Doch da kommt Bewegung in die Menge: Sie kommen raus und werden bejubelt, und wer ist da, lässt sich von mir in die Arme nehmen und fällt mir um den Hals: Lea von Widersetzen! Was die Frau alles kann! Dann verlieren sie sich in der Menge - erst später erfahre ich, daß das Essen weg war und die armen halb Erfrorenen erst mal hungrig bleiben müssen.


Und ich muß nicht weit gehen, um jemand zu finden, der mich mitnimmt. Ich treffe unsere 4 Gäste, Susanne und Michael, Christoph und Philip, die nehmen mich mit heim. An einem Feld voller Kreuze kommen wir vorbei - Susanne und Michael zeigen und erklären mir, jedes Kreuz hat ein Schild mit Name und Geburtsdatum eines Politikers - die Todesdaten sind offen. Ein gutes und gruseliges Symbol. Und steht schon seit - wie lange? - da, und ich habs noch nicht gesehen.


Und es nützt alles nichts, ich muß zugeben, dass ich ziemlich aufgeregt bin, wie wird es werden, werd ich es schaffen?


Und dann ist der Montag da, und ich komme doch nicht so früh los, wie ich dachte, Thea ruft schon an, wo ich bleibe. Ich muß noch nach Dannenberg, meine Knie bandage holen, der Meniskus ist dauernd schlecht gelaunt, und das kann ich jetzt grad gar nicht brauchen. Im BI Zelt ist grade Pressekonferenz, ich höre Jochen reden, aber es ist gesteckt voll, ich gebs auf. Dafür nehm ich eine kleine Dicke mit Rucksack mit zum Camp in Splietau - und dauernd folgen grüne Autos, es würd einem glatt fehlen, wenn keines da wär.


Und jetzt bin ich endlich in Grippel, ein paar Autos stehen vor der Scheune, die Schiebetür steht offen, drinnen Tische und Bänke, Essen und Trinken, ein paar Schlafsäcke liegen schon da. Vor der Scheune der Infopoint im Bauwagen, der Schornstein raucht, Ruth managed. Meine erste Tat: Ich kümmere mich um einen Vorhang vor den Türspalt (ca. 1 m), da es eiskalt ist und die Schiebetür sehr schwergängig und rostig ist und quietscht. Wir finden Plastikfolie, Bauer Zipoll, nett wie immer während der ganzen Zeit (es ist ja seine Scheune, die er uns zur Verfügung stellt), leiht die große Leiter und 2 junge Männer realisieren den Rest.


Dann werden Laternen gebastelt - Material ist da, und ich lerne, wie man sie macht, unter anderem von einer sehr großen jungen Frau, die später noch eine wichtige Rolle spielen wird. Die erste Laterne meines Lebens.


Da kommt Nachricht aus Gusborn, viele Trecker sind da, Jochen auch und lässt sagen, er hätte gern Gesellschaft. Also los! An der Kreuzung stehen Polizeiwagen und lassen kein Auto mehr durch Richtung Gusborn. Wir (3 Jungs und ich) fragen, ja, zu Fuß ist ok. Wir laufen los mit ziemlichem Tempo. Bis knapp vor Gusborn lassen sie uns, wir sehen schon die Blaulichter, dann werden wir aufgehalten. Die Kontrollen dauern ewig, lange Diskussion, aber es nützt nichts, dann müssen wir zurück, mit Androhung von Platzverweis. (Später erfahren wir, dass andere Menschen über Langendorf tadellos durchgekommen sind). Ein Wagen folgt uns im Schritttempo, der Suchscheinwerfer lässt uns nicht aus, bis Grippel. Dort ist es Zeit zum Laterne gehen, es ist ja schon finster. Auch das ist das erste mal in meinem Leben, und die 3 Oldtime Blasmusiker sind auch dabei. "Laterne, Laterne" im Jazzrhythmus ist klasse! Wir haben uns nicht genau genug verabredet, die Laaser Laternen sind nicht da. Deshalb ist Lea unsicher, macht aber dann doch eine tolle Feuershow für uns. Etwas später kommen die Laaser Laternen doch noch, und Lea macht ihre Show noch einmal, mitten auf der Straße.


Ich habe Nachmittags den Bus schon hinter die Nachbarscheune gestellt. Dorthin verzieh ich mich jetzt, ich bin todmüde, ich war doch recht aufgeregt, und die 10 km Fußmarsch dazu! Die Heizung läuft, ich hänge die Vorhänge auf, aber gut habe ich doch nicht geschlafen. Viel zu aufgeregt, und immer wieder: Heizung aus und wieder an, die halbe Stufe funktioniert leider nicht. Und um 8h haben wir Meeting, der Wecker steht auf 7.


Der Dienstag morgen ist da, und wir sind immer noch höchstens 30 - 40 Leute! Aber nach dem Frühstück beginnen wir mutig, Kultur und Leben auf die Straße zu tragen - und die Polizei behindert uns kaum. Mit bunten Kreiden wird die Straße bemalt, auch ein Zebrastreifen wird aufgezeichnet. Wir gehen hin und her, tanzen, die 3 Bläser sind wieder da. Da erkennt Katharina den ¾ Takt und fordert mich zum Walzertanzen auf. Sie fragt mich, ob ich Walzer tanzen kann! Wir werden beide schwindlig, aber es ist ein Riesen Spaß. Schade, es gibt kein Photo wie wir beide auf der Straße Walzer tanzen!


Dann kommt irgendwann das Gerücht durch, in Langendorf gäbe es einen Rohrbruch! Jedenfalls ist jetzt alles gesperrt.


Irgendwann kommen auch Susanne und Michael und stellen ihren LT auch hinter die Scheune. Ganz unbemerkt werden es immer mehr Menschen, als ob sie "entstehen " würden, viele kommen auch aus Gusborn. Birgit kommt aus Laase mit ihrer Gitarre und singt. Nachmittags hält Pastor Maierhofer Gottesdienst - wir auf der Straße, er im Eingang von Zipolls Hof, unterstützt von 3 Posaunisten, die trotz kältesteifer Finger (und Münder) uns beim Singen unterstützen. Und wir singen und es ist gut.


Es werden immer mehr Menschen, ich weiß nicht, woher sie kommen. Ich selbst bin selten im Infopoint, ich mach beim Aufräumen der Esssachen , Geschirreinsammeln und solchen Sachen mit. Und das geplante Konzept lässt sich realisieren, wir tragen Kultur, Leben und Freude auf die Straße und bleiben da. Der Oldenburger A Capella Chor tritt auf, eine Gruppe, die sehr professionell mehrstimmig singt, auch etliche afrikanische Songs. Es gibt eine Küche von Greenpeace, die tolle, fein gewürzte Suppen und sogar Kichererbsen - Brotaufstrich machen. Feuertöpfe stehen da - die Polizei sorgt dafür, dass sie von der Straße weg auf den Rand kommen! Meine Sani - Rolle beschränkt sich zunächst auf Kopfschmerztabletten und Pflaster, bis es dann um eine Knöchelverletzung von gestern aus Gusborn geht - ein Gummiknüppel - ich muß den RTW rufen, sie kann einfach nicht mehr vor Schmerzen.


Es ist schon dunkel, und uns ist klar, dass wir darauf achten müssen, auf der Straße zu sein, bevor die Polizei "zumacht", es werden auch immer mehr Polizisten in voller Rüstung, die da am Rand hin und her gehen. Auch wir gehen in kleinen Gruppen, besonders an den Enden der Menschenansammlung, Richtung Laase und auf der anderen Seite, um zu sehen, ob sie von diesen Seiten her massiv vorrücken und uns etwa überraschen. Aber wir sehen nichts. Dann treten die Gorleben Singers auf der Straße auf. Inzwischen stehen die Menschen dicht gedrängt. Da gibt es noch eine Flamenco - Vorführung! Auch auf der Straße, und die Frauen sind wirklich gut! Gehört haben wir sie schon öfter beim Training in Platenlaase, da war es uns manchmal fast ein bisschen laut, und jetzt so was! Christian und Philip tauchen auf, ich zeig ihnen noch, wo es was zu essen gibt, und dass sie sich beeilen müssen, es wird bald ernst, aber ich verliere sie aus den Augen.


Und dann plötzlich wird es ernst, der Kessel wird geschlossen, und wir sitzen auf der Straße. Ich habe es geschafft, und die große Angst ist weg. Mein wichtigstes Problem ist, wo die Beine hintun. Ich sitze neben Thea, und ein Mann, noch älter als ich, ist auch da. Wir haben erfahren, dass die Magdeburger Polizei abgelöst wurde, Hamburger oder Oldenburger sind jetzt da. Ich bin doch ziemlich erleichtert. Da kommt aus dem Lautsprecher die verblüffende Meldung: "Die Menschenmenge auf der Straße in Grippel ist in Gewahrsam genommen." Ist denn so was möglich? Wasserwerfer fahren auf, und bevor ich es richtig kapiere, wird eine Rolle Plastikfolie über uns ausgerollt, von erhobenen Händen weitergegeben. Auf beiden Seiten sollen Wasserwerfer stehen.


Draußen sitzt Jochen am Lautsprecher des Musikwagens und kommentiert. Korrigiert, was die Polizei falsch durchsagt, Und wir sitzen unter der Folie und schreiben auf Zettel unsere Namen und dass wir eine richterliche Überprüfung wollen. Becher mit heißem Tee und Kekse werden durchgegeben. Und mein junger blonder Sitznachbar macht plötzlich einen Hechtsprung nach draußen - ich hatte schon vorher den Eindruck, er kann die Enge unter der Folie nicht ertragen. Ich weiß nicht, wie lange das alles gedauert hat, jeder Zeitbegriff ist mir verloren gegangen. Starke Scheinwerfer leuchten durch die Folie, ich dachte, Presse, das hat sich nachher als Irrtum erwiesen. Ich weiß nicht mehr alle Lautsprecherdurchsagen, nur dass zu unserer großen Freude Jochen oft korrigiert. und ruft die Sitzenden zur Besonnenheit auf. Er sorgt dafür, dass es nicht eskaliert, immer wieder höre ich "lasst euch nicht provozieren, bleibt ruhig". Wir unter der Folie singen 3 stimmig Kanon "wehrt euch leistet Widerstand". Irgendwann hält Theas Freundin den Streß nicht mehr aus - Gottseidank hab ich Notfalltropfen dabei.


Und dann wird es ernst, die Folie wird von der Polizei weggezogen - brr, ist das kalt ohne, jetzt merkt man erst, was für ein guter Kälteschutz das war - und, "keine Angst, wir benutzen den Wasserwerfer nur zum Ausleuchten". Noch eine Durchsage, wir sollen uns freiwillig in die Absperrung begeben! Soweit ich sehen kann, rührt sich keiner.. Und dann geht das Abräumen los. Vom Musikwagen kommt tiefes Glockengeläute. Ich hab es ja noch nie selbst erlebt, wie das ist, und wie diese gerüsteten Polizisten aus dieser Perspektive aussehen. Ich sitze ganz starr da, wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich hätte doch genau aufpassen müssen, was sie mit meinen Mitsitzern tun, aber dann kommen diese großen Stiefel, die zwischen uns trampeln, nur eine schnelle Drehung, sonst hätte ich einen im Bauch gehabt. Es geht ihnen wohl sonst zu langsam, nur vom Rand weg die Menschen zu holen. Ich seh, wie sie mit ihren behandschuhten Händen in Gesichter hineingreifen und Köpfe nach hinten drücken, viele skandieren "keine Gewalt, keine Gewalt", da sind sie bei mir. Anscheinend wird jeder gefragt "kommen Sie freiwillig mit", und ich habe Angst und sage ja. Von 2 Seiten wird man hochgerissen, ich weiß gar nicht, wie es mir gelingt, den Sani Rucksack zu behalten.


So wird ein Verbrecher im Krimi abgeführt, von zwei Polizisten festgehalten und in einen Kessel gebracht. Dort sind schon ganz viele Menschen, auch Rot Kreuz Sanis, ohne Ausbildung und Material, aber nett. Jürgen friert in seiner dünnen Jacke. Ruths junger Sohn, 14, darf nach etlichem Hin und Her doch nicht raus. Die Polizei behauptet, auf das Jugendamt zu warten. Das kommt aber nicht, und wie ich später erfahre, wäre das auch nie möglich gewesen, und so müssen also alle Minderjährigen mitfrieren, bis zum bitteren Ende. Ich bin schon alle Rettungsdecken los, da stellt sich raus , dass der eine Rot Kreuz Jackenträger hier zu Hause ist. So kann ich ihm leicht erklären, wo der Bus steht, geb ihm den Schlüssel und ergeht hin und holt meinen restlichen Rettungsdeckenvorrat. Kleiner Gag am Rande: Die wollten sie in Eigenregie verteilen und mir keine geben! Na, wir haben uns geeinigt. Und es gibt viele frierende Menschen, nicht nur Jugendliche. Nur 1 Stück für einen eventuellen Notfall, der Gott sei Dank nicht eintritt, behalte ich. Aber so was gibt es doch, ich seh von weitem, wie eine Frau rausgetragen wird.


Und dann erfasst ein Suchscheinwerfer hoch oben in einem riesigen Baum eine menschliche Figur - es ist die große Frau vom Laternebasteln. Keiner hat gesehen, wie sie da raufgekommen ist. Jedenfalls hat sie keiner runtergeholt - wie auch, und so war sie dann auch da oben und hat die Castoren von oben gesehen. Ich weiß nicht, wie sie runtergekommen ist, es muß arg kalt sein, wenn man da so steht und sich nicht rühren kann. Ich hoffe, sie hat es gut überstanden.


Eine improvisierte Trommelgruppe bildet sich, im Kessel wird Musik gemacht und gesungen. Irgendwie überstehen wir die Stunden trotz 7 Grad minus. Ich hab jedes Zeitgefühl verloren. Eigentlich muß es schon Mittwoch sein. Manchen ist es gelungen, ihre Schlafsäcke mit reinzukriegen, ich frag mich, wie, die liegen jetzt eingerollt auf dem feuchten Boden und schlafen.


Und dann kommt die Lautsprecherdurchsage: Man hat Kenntnis davon, dass aus unseren Reihen Straftaten geplant seien. Und wenn irgendeine (Gewalt?) Aktion von uns ausgehe, würde man ohne Vorwarnung Gewalt anwenden, auch Wasserwerfer. Allen ist klar, jetzt kommen sie. Und kurz danach erscheint der erste weiße Block, gespenstisch gleitend, in einem ohrenbetäubenden Pfeif- und Pfuiruf Konzert. Ich bin wie erstarrt, und doch schrei ich mit. Ich hab nicht mitgezählt, aber - das können doch nicht alle sein? Nein, es war nur eine Pause, diese kurze Unterbrechung hat jemand verursacht, doch schon kommen weitere. Bis zum vorletzten halt ich's aus, dann verlier ich die Nerven und fang zu heulen an. Und werde von einer neben mir stehenden Frau in Mantel mit Pelzkragen ganz lieb getröstet. Nachher erzählt sie mir, dass sie eigentlich nur gekommen war um zu schauen - und schon war sie mitgefangen.


Und wir werden dann doch nicht festgenommen, sondern freigelassen, sobald die Castoren im Zwischenlager sind. Langsam kommen wir raus. Im Garten von Zipolls Tochter steht der Wasserwerfer.


Ein paar Schritte weiter treffe ich auf einen verletzt am Boden sitzenden Mann. Seine Lippe ist geplatzt und blutet, er hält sich den Kopf. Erst ein paar Notfalltropfen. Bei Licht in der Scheune zeigt sich, dass man da kaum was tun kann - die Zähne scheinen nicht betroffen zu sein, aber das muß ein Zahnarzt überprüfen. Mein Augenspülgerät ist notfalls auch zum trinken geeignet. Wie ist das passiert? Er ist an einem Wasserwerfer vorbeigegangen und hat seinem Zorn Luft gemacht und das Ding angespuckt. Da hat der darin sitzende Polizist die Tür aufgerissen und ihm ins Gesicht geschlagen. Das kann kein Zufall sein. Wir tauschen noch Telefonnummern aus.


Um uns herum verlaufen sich die Menschen, es ist erstaunlich, wie schnell das geht. Ruth scheucht noch ein paar von den Kartoffeln herunter - erstaunlich, was die Frau für Energien hat, sie fängt noch an, aufzuräumen. Ich schwanke vor Müdigkeit, tappe nach hinten zum Bus, möchte nichts als schlafen. Doch daraus wird nichts, ich werde erwartet. Alle 4 (meine Gäste) sitzen im LT und reden mir zu, noch nach Hause zu fahren, Bett und Dusche genießen. Und erzählen noch schnell die Geschichte, wie die Polizisten, die hinter der Scheune nach Menschen gesucht haben und Michael und Susanne im LT vermutet haben, mit Gummiknüppeln gegen das Auto geschlagen haben und dabei ein oberes Fenster zertrümmert haben! Da sind die beiden natürlich erst recht nicht raus gekommen!


Ich laß mich überreden, heim zu fahren. Erst noch viel Eis kratzen, und dann los. Ich will links abbiegen, aber das kann ich vergessen. Eine Kette von Polizeifahrzeugen mit Blaulicht, soweit ich sehen kann! Das sieht beängstigend aus im Finstern! Also bieg ich rechts ab, ich kann ja auch über Gorleben und Gedelitz nach Hause. Denkt der Mensch, aber ich bin so müde, dass ich mich in Gorleben verfahr! Keine Ahnung, wo ich war, aber irgendwie bin ich heim gekommen. Plötzlich war ich in Gusborn, die Straße ist noch voll Stroh. Ich bin die Letzte, die in Jameln ankommt, die Anderen überlegen grade, ob sie mich suchen müssen. Keiner redet mehr, als er muß. Die beiden Jungs haben noch ein Mädchen im Bus, die nicht wusste, wo sie hinsoll. Klar kann sie mit rein, im Wohnzimmer, packt sie irgendwo hin, ich finde nur mehr den Weg ins Bett.


Gegen Mittag wach ich auf, Gerri hat mir den Anruf, dass man zur GESA soll, Freigelassene heimbringen, abgenommen. Wir frühstücken erst mal alle, dann fahren Gerri und ich nach Neu Tramm. Eine Gruppe Leute steht da, jemand vom Radio Wendland ist auch dabei. Einige kommen von Raum 2 herunter und werden von ihren Freunden abgeholt. Ich komme mir sehr überflüssig vor. Wir fahren schnell noch einkaufen - sieben Leute im Haus wollen essen! Als wir wiederkommen, können wir grade einen Mann aus Quickborn nach Hause bringen. Er ist festgenommen worden, als er schauen wollte, was die Polizei im Gemeindehaus macht. Der Rückweg bringt schon zwei vergnügte junge Mädchen, die in Dannenberg sehen wollen, was los ist.


Kein Abschluß in Gedelitz oder Trebel für mich. Es wird noch einige Zeit dauern, bis für mich das Leben wieder normal wird. Körperliche und seelische blaue Flecken brauchen eben Zeit.

 
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