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Bericht der Vorfälle in Grippel am 11./12.11. 2003 Drucken E-Mail

Bericht der Vorfälle in Grippel am 11./12.11. 2003
von Helga Eichinger


Ich (56 Jahre) saß mit meinen beiden Kindern (24 und 21 Jahre) und einem ihrer Freunde auf der Straße in Grippel. Gegen 22.00 Uhr war „Schichtwechel“ und damit wurde die Polizeipräsenz immer stärker, von beiden Seiten waren starke Scheinwerfer auf uns gerichtet (wie fürsorglich, damit wir uns im Dunkeln nicht fürchten müssen) und Wasserwerfer aufgefahren.


Gegen 0.23 Uhr wurde uns von der Polizei mit Lautsprecher durchgesagt, dass wir uns nun alle im Gewahrsam befinden. Es gab vorher keine Aufforderung, die Straße zu verlassen.
Jochen Stay gab uns die Empfehlung, sofort einen Antrag auf sofortige richterliche Überprüfung unserer Ingewahrsamnahme an die Einsatzleitung zu stellen. Dieses taten sehr viele auch. Die Versammlung wurde aber auch - trotz entsprechenden Lautsprecher-Hinweises von Jochen Stay - nie aufgelöst.


Es wurden wahllos einige Personen (ich weiß von 2 Personen) gegriffen und abgeführt. Dieses mit einem ziemlichen Gerangel und heftigem Geschubse seitens der Polizei. Ca. gegen 1.20 Uhr kamen im Abstand von 5 Minuten die Aufforderungen, (erst an die "Versammlungsteilnehmer", dann an die "Demonstrationsteilnehmer"), die Straße zu verlassen (wie denn, wenn wir in Gewahrsam sind ?) und sich auf die Wiese neben Wasserwerfer 1 und 2 zu begeben. (wer weiß schon, welches die Wasserwerfer 1 und 2 sind?). Verbunden war die Ansage mit der Androhung von Gewaltmaßnahmen, wie z.B. Einsatz der Wasserwerfer.


Daraufhin breiteten viele der auf der Straße sitzenden Demonstranten eine große Plane über sich aus. Anschließend begann die Räumung. Mit massivem Einsatz begann die Polizei, die Demonstranten wegzuführen. Meine Beobachtung: Sehr vielen Menschen wurden die Arme nach hinten auf den Rücken gerissen, so dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als aufzustehen, um einen Armbruch zu vermeiden. Auch Hände wurden so abgeknickt, dass Brüche zu befürchten waren - zumindest aber starke Schmerzen hervorriefen. Köpfe wurden brutal nach hinten gerissen.


Wir beobachteten einen besonders schlimmen Vorfall direkt vor uns: Einige Demonstranten hatten sich untergehakt und waren somit sehr schwer wegzubewegen. Daher wurde die Polizei immer brutaler. Sie riss an den Köpfen, riss Mützen herunter und drückte mit den Daumen unterhalb der Ohren auf den Kopf, um so den Kopf auf die Straße zu drücken. Bei einem anderen wurde mit zwei Fingern in die Nasenlöcher gegriffen und damit der Kopf so auf die Straße gedrückt, dann drückte der Polizist mit seiner Hand Nase und Mund des Demonstranten zu und gleichzeitig den Kopf mit aller Kraft auf die Straße und ließ nicht los, so dass wir Angst hatten, der Demonstrant erstickt. Wir alle schrieen "keine Gewalt" und "lass den Kopf los, er bekommt keine Luft mehr, er erstickt gleich". Das half jedoch nichts. Im Gegenteil der Polizist drückte immer kräftiger zu. Mein Sohn riss daraufhin die Hand des Polizisten vom Gesicht des Demonstranten weg, der aber gleich darauf wieder zudrückte. Wir hatten wirklich Angst um das Leben des Demonstranten. Es gelang dann mehreren Polizisten, die untergehakten Personen zu lösen und wegzubringen.


Hinter mir stand ein Mann mit einer Kamera. Ich machte ihn auf die Szene aufmerksam und dieser richtete auch die Kamera auf das Geschehen. Ich weiß nicht, wer das war, ein Reporter oder eine Privatperson, auf alle Fälle ist dieser Vorfall im Film festgehalten worden.


Auch ich wurde aufgefordert zu gehen, verweigerte mich aber. Ich hatte meine Arme fest vor der Brust verschränkt, so dass sie nicht nach hinten weggedreht werden konnten. So griffen mich zwei Beamte unter die Arme und schleiften mich ein Stück weit weg. Das war ihnen aber wohl doch zu anstrengend. Sie machten eine Pause und riefen nach zwei Kollegen. Somit trugen mich dann 4 Beamte von der Straße in den Polizeikessel auf dem Feld. Dort traf ich meine Kinder und andere Bekannte wieder – zum Glück alle unverletzt. Allerdings waren ihnen ebenfalls die Arme auf den Rücken gerissen und die Hände schmerzhaft umgeknickt.


Ich hörte von anderen, dass dieser „Nasen-Finger-Griff“ bei vielen anderen auch angewandt wurde. Weiter hörte ich, dass eine junge Frau durch Fußtritt von Polizisten so verletzt wurde, dass sie mit einem Rettungswagen weggefahren werden musste, dieser aber nicht einmal losfahren durfte mit der Begründung, dass der Castor jetzt komme.


Wir mussten in eisiger Kälte auf dem Feld in dem Polizeikessel ausharren, bis die Castoren an uns vorbeigerollt und in Gorleben angekommen waren. Dann konnten wir gehen. Leider konnten wir nicht abfahren, da die Polizei alle Straßen noch gesperrt hielt, um ihre eigene Abfahrt durchführen zu können. Statt nun einer ihrer eigenen Aufgaben, nämlich die Verkehrslenkung, sicherzustellen, hat sie andere Verkehrsteilnehmer behindert, um selber ungehindert fahren zu können! Auch haben wir beobachtet, dass die Reihe Fahrzeuge vor der roten Ampel Blaulicht einschaltete und nach Überquerung der Ampel wieder abschaltete.


Aufgrund dieses Berichtes auf der Internetseite Indymedia
http://de.indymedia.org/2003/11/66082.shtml hat sich bei Helga Eichinger der "Kameramann" gemeldet, der oben erwähnt wurde, er stand hinter ihr und hat die Vorfälle gefilmt. Er wird seinen Video-Film noch bearbeiten und dann dem Ermittlungsausschuss zuleiten.

 
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