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Augenzeugenbericht Castortransport NIX 7 von Margarete Pauschert, Leony Renk 2003 Drucken E-Mail

Augenzeugenbericht Castortransport NIX 7
von Margarete Pauschert, Leony Renk

Der letzte Castor-Transport hat neue Dimensionen erreicht: Verlust der demokratischen Grundrechte fuer ganze Doerfer ohne Begruendung nur auf Vermutungen hin, Rechtsanwaelte nicht durchgelassen, Sanitaetswagen entfernt, Telefonanrufe aus dem Kessel verhindert, Name des Einsatzleiters "vergessen", wachsender polizeilicher Vandalismus.


11. - 12. November 2003 im Wendland, 5 km vor Gorleben:

In dieser Nacht werden zwei Doerfer komplett eingekesselt: Grippel, da gibt es eine Strassenblockade, eigentlich ein Strassenfest, es gibt keinen einzigen vermummten Menschen, dafuer drei Konfliktmanager von der Kirche vor Ort und ebenso viele von der Polizei --und Laase, wo die Kulturveranstaltung im "Musenpalast" non stop laeuft: Harry Potter-Lesung solange "bis das Gute siegt" und andere Programme.


Ohne eine einzige Ankuendigung ruecken mehrere Zuege Polizei ein, raeumen grob den Buergersteig in Grippel und wir hoeren wir als erste Ansage der Polizei, (in Laase gab es keine Ansage):


"Sie sind alle in Gewahrsam genommen." Es ist 0.22 Uhr. Danach werden einzelne herausgegriffen, ob Spitzel dabei sind, koennen wir nicht feststellen. Die Dorfbevoelkerung zieht sich in mehreren Gruppen in ein Privathaus an der Strasse zurueck, das liegt an der Castorstrecke.. Zuletzt sind ungefaehr 30 Laaser und Grippeler EinwohnerInnen im Haus.. Der Wasserwerfer faehrt auf dieses private Grundstueck, das Haus wird von aussen mit Scheinwerfern erleuchtet, keine Person kann mehr raus ohne in den Polizeikessel zu kommen. Nachdem die ersten DemonstrantInnen ueber den Zaun geworfen werden, wird der Zaun zum Nachbargrundstueck ohne Einwilligung des Besitzers zerstoert und die Menschen werden von der Strasse in den Kessel getrieben, "freiwillig" koennen sich Menschen in das Polizeigatter begeben oder sie werden getragen, teilweise ruppig, Nasen- und Kopfdrehgriffe werden beobachtet. Auf dem gegenueberliegenden Grundstueck stellen sich vier Polizeiketten auf und zwei Beamte schleichen an der Rueckseite des Hofes herum, weil " widrige Umstaende das erfordern.", wie sie sagen. Die Hofbesitzerin droht an, ihren Mann zu holen, als er erscheint, sind alle Polizisten vom Grundstueck abgerueckt.


Derselbe Hofbesitzer hat in dieser Nacht erfolglos den Einsatzleiter sprechen wollen, um sich die Rechtmaessigkeit begruenden zu lassen, fuer die polizeilichen Massnahmen auf seinem Grundstueck und die Polizeibeamten, die aktiv mit der Raeumung und Besetzung seines Privatgrundstuecks im Einsatz sind, haben "vergessen" wer der Einsatzleiter war. Gleichzeitig haben die Polizeibeamten das Dorf Laase eingekesselt, alle Zufahrtswege sind gesperrt fuer Autos, Fussgaenger koennen hinein, aber nicht wieder hinausgehen. Fussgaenger, die ihren Hund ausfuehren wollen, werden daran gehindert, das Haus zu betreten das sie vor den Augen derselben Beamten kurz zuvor verlassen hatten. Mehrere Grundstuecke werden mit Lampen ausgeleuchtet. Im eingekesselten Dorf gibt es darueber hinaus Grundstuecke, die extra gekesselt werden, zusaetzlich gibt es auf der Strasse auch noch Polizeiketten. Auf den Strassen gibt es mehrere Kessel, in denen Personen, die sich auf der Strasse bewegt haben in Gruppen gekesselt werden. Wieder andere duerfen passieren.


Welche PolitikerInnen lassen zu, dass eine Einsatzleitung der Polizei ihre BeamtInnen falsch informiert und so indoktriniert, dass sie vor dem Einsatz in Angst und Schrecken versetzt werden?


Die Polizeibeamten wirkten orientierungslos "ist das hier ein Dorf oder eine Stadt?" - ueberfordert, hastige Fragen (vermutlich an die Einsatzleitung) "hier ist eine Person...was soll ich machen?" und uneinsichtig, Kinder(13 und 15 Jahre alt) wurden nicht nach Hause gelassen. Erst nach dem Eingreifen der Nachbarin wurde einem Kind erlaubt, in Begleitung eines Polizeibeamten, der sich lustig machte ueber die Angst des Kindes nach hause zu gehen. Die uebrigen irrten auf der Strasse umher. Gegen 5.00 Uhr frueh, als der Castortransport an Laase vorbeifuhr, sassen immer noch mehrere 13jaehrige Maedchen im Gefangenenwagen unmittelbar an der Strecke. Der polizeiliche Konfliktmanager hatte keinen Einfluss auf die polizeilichen Massnahmen und auf Nachfrage wiederholte er: "Ja, ich bin eine Witzfigur".


Die Abgeordnete der Gruenen befand sich in der Veranstaltung des Musenpalastes und wurde ebenfalls am Verlassen des Dorfes gehindert.


Als Hausbesitzerin wurde ich gehindert, mein eigenes Haus zu betreten, obwohl ich mich ausweisen konnte, gelang es mir erst nach langen Diskussionen durchzusetzen, dass ich mit einer Besucherin unseres Hauses unser Grundstueck betreten konnte.


Entsetzt waren wir, dass PolizeibeamtInnen fuer Einsaetze im gewaltfreien Widerstand nicht ausgebildet sind. Viele BeamtInnen handelten auf blossen Verdacht hin ("es wurde angenommen, dass in Grippel und Laase Gewalttaten geplant wurden", vgl. Kommentare in der EJZ). Entsetzt waren wir als wir hoerten, dass PolizeibeamtInnen gesagt wird: "Es gibt im Landkreis Doerfer, in denen sich Widerstandsnester gebildet haben und dort sind die PolizeibeamntInnen mit Saeure empfangen worden."


Scheinbare Konzeptionslosigkeit ist das Konzept: brutale Festnahmen in Quickborn, lockere Plaudereien in Splietau, Raeumung in Gusborn am Montag 11.11., Strassenfest in Gusborn am Dienstag 12.11.


Um 5.00 Uhr fuhr der Castor-Transport an Laase vorbei, der Beamte mit dem ich lange diskutiert hatte, weil er mich nicht zu den Menschen im Kessel am Ortseingang gelassen hatte, sagte: "Ich bin doch auch Ihrer Meinung," drehte sich um und zog mit seiner Mannschaft ab.


Sie stehen hier falsch - ich wohne hier richtig, sagte ein Einwohner zu einer Polizeibeamtin in Laase


Dem Ausverkauf der Grundrechte bei den bisherigen Transporten folgte bei diesem Transport die Erfahrung "am Leibe". Die 30 Menschen, die in Grippel stundenlang im Haus - angestrahlt durch Wasserwerfer-- miterlebten, wie der Kessel auf der Wiese nebenan mit und ohne Gewalt seitens der Polizei gefuellt wurde, (es handelte sich um etwa 1000 Menschen) und dabei befuerchteten, aus dem Haus heraus geraeumt zu werden.


Die Menschen in Laase auf der Strasse,(BesucherInnen des Musenpalastes und EinwohnerInnen), die ohne Begruendung "in Gewahrsam" genommen worden waren und sich nicht mehr bewegen konnten. Die VeranstalterInnen im Zelt, die das Dorf nicht mehr verlassen durften. Die Kinder (13 und 15 Jahre alt), die nicht nach Hause gehen durften.


Der Pfarrer unserer Kirchengemeinde, ausgewiesen als Konfliktmanager seitens der Kirche, wurde mitsamt seiner Gemeinde auf dem Kirchengrundstueck, (dem alten Kirchhof der Gemeinde), gekesselt und in unwuerdiger Weise bedraengt.


"Der Widerstand war fair", - so der oberste Einsatzleiter, Herr Niehoerster, "und der Transport auf der letzten Strecke in der Dunkelheit war auch ein Kompliment an den Widerstand " Offizieller Kommentar auf den handys der Beamten als der Castortransport in Gorleben eingefahren war: Der Drops ist gelutscht" - Passt es zu dieser Sprache, dass berichtet wird, dass bei Ingewahrsamnahmen im Raum Gusborn besonders bei Jugendlichen, die diesmal zahlreich auf der Strasse waren, gezielte Griffe und Tritte auf Genitalien beobachtet wurden???


Gewaltfreier, kreativer, Widerstand wurde durch einige gewaltbereite Polizisten beantwortet. Viele Polizeibeamte, die wir mit unseren Steuern bezahlen, denn es sind Staatsbeamte, verpruegeln, kesseln und bespitzeln uns. Die Methoden der Ausweiskontrolle unterschieden sich in nichts von den jahrelangen Schikanen an der innerdeutschen Grenze. "Sie koennen hier heute nicht einreisen." Zitat eines Beamten.


Erfreut waren wir, dass junge Maedchen im Grippeler Kessel sich nicht einschuechtern liessen und in staendigem Blickkontakt mit den Beamten ihr Lied sangen: "Auch du bist ein Mensch, auch du hast ein Herz, du hast vielleicht Kinder wach auf, dreh dich um


Entsetzt waren wir, dass wir vom Lautsprecher der Polizei hoerten: "Hier sind unbegleitete Kinder, wenn die Eltern sie jetzt nicht hier beim Treffpunkt abholen, kommen sie ins Jugendamt," waehrend gleichzeitig die Menschen, die die Kinder abholen wollten, daran gehindert wurden, zu dem angesagten Treffpunkt zu kommen.


In diesem Zusammenhang ist der Kommentar des Einsatzleiters, Herrn Niehoerster unangemessen: "Die wenigen Moeglichkeiten der Ueberraschung muessen ausgenutzt werden." So grosszuegig bedankt sich ein vermeintlicher Sieger bei den "VerliererInnen".


Es steht aber noch nicht fest, wer in dieser Nacht verloren hat, oder ob es ueberhaupt einen Sieger gegeben hat: Feststeht, dass Menschen (nicht aelter als 18 Jahre) gesagt haben: Es gibt nicht: "Wir Guten gegen die Boesen, wir muessen lernen noch mehr zu differenzieren." Feststeht, dass PolizeibeamtInnen und Konfliktmanager der Polizei ueber die Durchfuehrung der Massnahmen entsetzt waren und das zu erkennen gaben. Feststeht, dass republikweit die irrige Annahme herrscht, dass die Castoren in das Bergwerk gefahren werden, selbst in serioesen Medien wie ARD-Kinderkanal, bzw. Frankfurter Rundschau wird so berichtet. Wer weiss, dass die Castoren in einer Wellblechhalle mit einer schmalen Betonschicht gelagert werden, die nicht gegen Flugzeugabstuerze gesichert ist. Wer weiss, dass es keine Einsicht in das Betriebshandbuch gibt? Wer weiss ,dass es keinen Katastrophenplan fuer den "Ernstfall"gibt?


Feststeht: dass in Laase bislang keine gewaltbereiten DemonstrantInnen angetroffen wurden und die Polizei trotzdem unverhaeltnismaessig vorgegangen ist. Feststeht: dass allein die Tatsache, dass ich in Laase wohne ausreicht um mich zu einer potentiellen Straftaeterin zu machen


Wenn Sie nicht da waeren, waeren wir auch nicht da, sagte eine Beamtin zu einem Einwohner in Laase. Heisst das, wir sollen verschwinden, wir duerfen nicht mehr wohnen?


Wir sehen es als unsere Aufgabe an, Aufklaerungsarbeit zu leisten, denn dieser letzte Transport hat neue Dimensionen erreicht: Verlust der demokratischen Grundrechte fuer ganze Doerfer ohne Begruendung, nur auf Vermutungen hin. Rechtsanwaelte werden nicht durchgelassen, Sanitaetswagen werden entfernt. Telefonanrufe aus dem Kessel werden nicht verbunden (der angewaehlte Anschluss klingelt - die Leitung bleibt stumm), der Name des Einsatzleiters wird "vergessen", und wachsender polizeilicher Vandalismus macht sich breit.


Wir befuerchten: Wenn diese Massnahmen, die das neue Niedersaechsische Gefahren-Abwehr-Gesetz vorwegnehmen, (das noch nicht ratifiziert worden ist), in saemtlichen Bundeslaendern durchgefuehrt werden, ist es zu spaet, sich dagegen zu wehren.


Wir befuerchten: Wenn wir keinen Widerstand mehr leisten, wird die Gorleben-Strecke zur "Zone" erklaert und wir, die EinwohnerInnen an der Strecke werden regelmaessig gekesselt.


Wir befuerchten, dass diese Transporte auf die Dauer nur mit Massnahmen durchgesetzt werden koennen, die eine Entwicklung zur Diktatur nicht mehr ausschliessen.


Irgendwo muss der Muell ja hin.


Die Tatsache, dass es weltweit kein Endlager gibt, obwohl seit 1945 Atommuell produziert wird, zeigt, dass es auch in absehbarer Zeit kein sicheres Endlager geben wird. Keine deutsche Partei traut sich zuzugeben, dass es zur Zeit weltweit keine Loesung fuer die Lagerung von Atommuell gibt. Die Gefahr, dass Atommuell, der "irgendwo" in der Erde verbuddelt wird, sich ueber kurz oder lang mit dem Grundwasser verbinden wird , ist nicht auszuschliessen. Unser Grundwasser ist verbunden mit dem weltweiten Wassersystem. Atommuell-Lagerung ist eben kein regionales Problem des Landkreises Luechow-Dannenberg, wie PolitikerInnen uns weismachen wollen. Die Atomkraftwerke muessen jetzt abgeschaltet werden.


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