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Lange Nacht in Langendorf - 2004 von Helga Eichinger Drucken E-Mail

Lange Nacht in Langendorf - 2004
von Helga Eichinger 


Am Montag, 8.11.2004, fuhr ich mit meinen beiden Söhnen Richtung Gorleben.


Gegen 19.30 Uhr kamen wir über Salzwedel, Zadrau nach Groß Gusborn.
In Groß Gusborn war die Straße mit einigen Trecker blockiert und von vielen Menschen besetzt. Ein Teil der auf der Straße sitzenden Personen war durch eine Polizeikette eingekesselt, die anderen konnten sich frei bewegen. Es kamen dann weitere Polizisten, die die Kette so weit ausdehnten, dass sie eine Sperre quer über die Straße (bis auf die angrenzenden Privatgrundstücke) bildete. Von Ost nach West konnte die Sperre ungehindert passiert werden (also von Richtung Grippel in Richtung Splietau), aber umgekehrt wurden wir massiv daran gehindert. Alle Personen konnten somit jederzeit aus dem Kessel heraus, aber niemand herein.


Gegen 1.00 Uhr machten wir uns mit einer Gruppe von ca. 50 Personen nach Langendorf auf. Entschlossen durchbrachen wir die Polizeikette. Dabei gab es logischerweise eine kleine Rangelei, aber dann saßen wir alle auf der Straße. Zwar konnten wir nicht bis zu den anderen Demonstranten vordringen, sondern bildeten eine weitere kleine Demo-Gruppe. Die Polizei kesselte uns natürlich sofort ein.
Die Nacht war sehr kalt, unter 0 Grad, die Autoscheiben der dort parkenden Autos waren zugefroren. Zum Glück wurden uns später Rettungsdecken und viel Stroh gebracht, so dass wir uns relativ gut wärmen konnten. Als ich das Bild dieser Gruppe betrachtete, kam mir das Märchen vom Rumpelstilzchen in den Sinn, in dem die Müllerstochter Stroh zu Gold verspinnen konnte, denn die Rettungsdecken leuchteten goldfarben zwischen dem Stroh. Eigentlich war das ein sehr schönes Bild, friedlich und „märchenhaft“.


So verharrten wir entspannt. Ab 5.40 Uhr kamen die Durchsagen der Polizei, dass die Versammlung verboten und die Versammlung hiermit aufgelöst sei, verbunden mit der Aufforderung, die Straße zu verlassen. Gegen 6.30 Uhr begann die Polizei mit der Räumung. Meine Söhne und ich saßen weit vorn, so dass wir mit die ersten waren, die weggetragen wurden.


Zwei Polizisten kamen zu mir und fragten, ob ich aufstehen wolle. Ich antwortete: „Nein, ich demonstriere doch“, darauf bekam ich zur Antwort: „Das ist mir scheißegal, was du tust“.
Ich hatte einen selbstgebastelten Sitz (Styropur in Plastiktüte) mit verschränkten Armen vor meiner Brust festgehalten. Ich wurde nun aufgefordert, das loszulassen, was ich aber nicht tat, weil mich die Polizei zum Wegtragen gut von hinter unter die Achseln hätte fassen können. Widerstand hatte ich nicht geleistet. Daraufhin wurde der berühmte „Nasengriff“ angewandt, also mit den Fingern in (oder unter) die Nasenlöcher gegriffen und so den Kopf auf die Erde gerissen. Ich schrie laut: „Meine Nase, meine Nase, lasst die los!“. Die übrigen Demonstranten reagierten sofort mit „Keine Gewalt“-Rufen. Die Polizei ließ daraufhin von meiner Nase ab und versuchte nun mit Gewalt, meine Hände und Arme auseinanderzureißen. Als sie das geschafft hatten, knicken Sie mir sofort beide Hände gewaltsam so weit nach unten um, dass ich glaubte, sie würden die Hände brechen. Ich schrie immer wieder, dass sie meine Hände loslassen sollten, das taten sie aber nicht. Es kam noch ein Polizist dazu, der meine Füße ergriff und ich wurde so mit 3 (oder 4?) Beamten weggetragen. Während des Wegtragens wurden weiterhin meine Hände umgeknickt, so dass ich die ganze Zeit schrie, mir seien die Hände gebrochen und sie sollen daher doch loslassen. Ich könnte ihre Mutter sein und sie würden ihrer Mutter doch auch nicht vorsätzlich die Hände brechen. Sie antworteten nur, dass sie die Hände nicht brechen und ließen in keinster Weise mit dem wahnsinnig schmerzhaften Umknicken der Hände nach.


Für diese Art und Weise des „Abtransports“ kann ich im übrigen drei Personen namentlich als Zeugen benennen.


Vor dem Polizeiwagen wurde ich unsanft fallen gelassen und gefragt, ob ich freiwillig in den Gefängniswagen einsteigen würde. Ich habe nur geantwortet, dass ich ja verrückt sein müsse, freiwillig in ein Gefängnis zu gehen. Daraufhin wurden mir erneut die Hände umgeknickt und ich wurde aufgefordert, in den Wagen einzusteigen. Ich fragte nach den Namen der Polizisten, um zu wissen, wer mir vorsätzlich die Hände bricht. Dann würde ich auch in den Wegen gehen. Die Namensnennung wurde wieder verweigert mit dem Hinweis, dass mir das ja der Einsatzleiter sagen könne. Es wurden mir weiterhin die Hände umgeknickt und versucht, mich mit den umgeknickten Händen in den Wagen zu heben. Gleichzeitig schrie mich der eine Beamte an: „Verdammte Scheiße, du“. Ich konnte vor Schmerzen auch nur noch laut schreien. Darauf wurde mir von einem anderen Polizisten gesagt, ich solle doch vernünftig sein. Ich antwortete erneut, dass ich die Vernunft ebenfalls von der Polizei erwarte und immer noch die Namen der Beamten wissen möchte, die mir vorsätzlich die Hände brechen, dann würde ich freiwillig einsteigen. Einer der Beamten nannte mir daraufhin einen Vornamen. Ob er stimmt, kann ich nicht beurteilen. Auf alle Fälle stieg ich dann freiwillig ein, wurde in eine Einzelzelle geschoben und die Tür verriegelt.


Der Beamte im Wagen war allerdings sehr freundlich und erkundigte sich verschiedene Male, wie es mir ginge. Ich konnte aber immer wieder nur sagen, dass mir die Hände unglaublich weh täten und ich vermuten würde, dass sie gebrochen seien und es mir unter diesen Umständen selbstverständlich nicht gut gehen würde.


Einer meiner Söhne wurde „normal“ von der Straße getragen, der andere anfangs ebenfalls, allerdings nach kurzer Zeit mit den Worten fallen gelassen: „So, die Kamera ist jetzt weg, jetzt sieht keiner mehr zu, jetzt können wir anders mit dir umgehen“. Es wurden ihm ebenfalls die Hände umgeknickt und so - mit den umgeknickten Händen - in einen Gefängniswagen verbracht.


Nach kurzer Fahrt durften wir wieder aussteigen, um in die GeSa zu gehen. Diese befand sich auf dem Sportplatz in Langendorf, und bestand aus einer „Wagenburg“ aus Polizeifahrzeugen, die an die Wand des Sportheims grenzte. Davor waren allerdings noch Einsatzfahrzeuge, in denen die Personalien notiert wurden.


Ich stand mit unbewegten Händen vor der Brust und sagte verschiedene Male, dass ich vermute, dass mir die Hände gebrochen worden seien, auf alle Fälle würden sie sehr stark schmerzen. Das kümmerte aber zunächst niemanden. Personalienaufnahme und Foto waren wichtiger.Während eines erklärenden Gesprächs mit einem Beamten forderte mich ein anderer Beamter auf, wegen des Fotos zwei Schritte weiter bis zum Polizeiauto vorzugehen, ansonsten müsse er Gewalt anwenden und mir nochmal die Hände umbiegen. Er hatte meine Äußerungen zu den gebrochenen Händen jedesmal mitgehört und drohte mir trotzdem an, die evtl. gebrochenen Hände nochmals umzubiegen! Ich fragte ihn, was ihn berechtigt, mir vorsätzlich solche Schmerzen zuzufügen. Er antwortete mir, dass er mit Gewalt von mir fordern könne, ein Foto zu machen.
Nun bekam ich meinen Ausweis wieder und wurde in die Gefängnis-Wagenburg geleitet. Dort kam dann ein Beamter und sah sich endlich meine Hände an. (Verwaltung hat natürlich Vorrang !) Da in den Fingern noch Gefühl war und ich diese auch bewegen konnte, gingen wir davon aus, dass ein Bruch der Handgelenke nicht vorlag. Er rieb allerdings eine Voltaren-Salbe auf die schmerzenden Handgelenke.


Es wurden dann Decken gebracht, in die wir uns wegen der Kälte einhüllen konnten.
So gut wie möglich in die Decken gehüllt legten wir uns nun (ca. 7.30 Uhr) auf den kalten und nassen Rasen, um ein wenig auszuruhen. Es wurde jetzt auch warmer Tee gebracht.


Um 9.00 Uhr morgens wurde uns erklärt, dass die Gefangennahme aufgehoben sei und wir wieder gehen könnten.


Helga Eichinger

 
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