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Erlebnisbericht von der Castor-Demo 2004 von Michael Büker Drucken E-Mail

Erlebnisbericht von der Castor-Demo 2004
von Michael Büker


"Als ich am Sonntag den 7. November 2004 von dem schrecklichen Ereignis in Frankreich erfuhr, bei der durch gröbste Fahrlässigkeit von Seiten der Behörden ein junger Demonstrant von dem Zug überrollt wurde und seinen Verletzungen erlegen ist, der mit einer weiteren Ladung wortwörtlich tödlichen Atommülls nach Deutschland unterwegs war, entschloss ich mich, mich meinen Juso-Freunden aus Uelzen und Umgebung anzuschließen, und gegen diesen Transport zu demonstrieren.


Mein Freund Jan hat sich dankbarerweise bereit erklärt, mich in seinem Auto mitzunehmen und mit mir und meinen Genossen zusammen zu demonstrieren. Wir sind also richtung Uelzen losgefahren, und wurden dann von den bereits vor Ort befindlichen nach Dannenberg gelotst. Von dort aus ging die Fahrt mit zwei Autos weiter Richtung Groß Gusborn, wo bereits die dritte Aufforderung gesprochen worden war. Die Zufahrt versuchten Polizisten uns zu versperren, aber durch großartige "Überredungskünste" und einige Waldwege gelang es uns, durchzukommen.


Aber gerade als wir angekommen waren, verlor ein junges Mädchen, das wir mitgenommen hatten, mitten auf der Straße das Bewusstsein. Wir liefen in Richtung der Polizei und riefen nach Sanitätern. Die Polizisten waren noch damit beschäftigt, dumm zu gucken und bescheuerte Fragen zu stellen ("Habt ihr einen Sanitäter oder braucht ihr einen...?"), als eine Demonstrantin schon mit mir zu ihr lief und einen Arzt in der Nähe anrief. Kurz darauf trafen auch Helfer des Roten Kreuzes ein, die sich um sie kümmerten. Die Solidarität, die sich schon in diesem Fall zeigte, war groß: die Rotkreuz-Leute versprachen ihr kostenlosen Krankentransport und die Frau erklärte sich bereit, mit ihr zu fahren, und sich um den Arzt zu kümmern. Die entstehenden Gebühren, sagte sie, übernähme die Hilfskasse der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg..
Wie es nicht anders zu erwarten gewesen war, zeigte die Polizei noch einmal höchste Kompetenz, indem sie dem mit Blaulicht heranfahrenden Krankenwagen die Zufahrt verweigern wollten. Als er schließlich endlich bei uns war, mussten wir das junge Mädchen verabschieden.


Mit gedrückter Stimmung, aber entschlossen, nicht aufzugeben - was schon für die gesamte Bewegung nach dem Unfall in Frankreich galt - machten wir uns dann auf zur Straßenblockade, die Anwohner mit mehreren hundert Menschen und einem knappen dutzend Tranktoren in Groß Gusborn errichtet hatten. Wegen der großen Kälte und da die Genossen schon seit morgens unterwegs gewesen waren, gingen wir zuerst zu einer Volksküche, wo Anwohner Tee, Kuchen und Brote gegen eine freiwillige Spende anboten. Von dort ging es zurück zur Straße, wo wir "es uns gemütlich" machten.


Die Solidarität, die Freundlichkeit und einfallsreiche Friedlichkeit, mit der die Anwohner der Region gegen den Castor protestieren, ist kaum vorstellbar, wenn man sie nicht erlebt hat, und rückt die Vorgehensweisen der Polizei in ein noch krasseres Licht. Bauern, denen die Höfe direkt an der Straße gehörten, rollten große Strohballen auf die Straße, die dann zerpflückt und als warme Sitzunterlage (oder sogar zum eindecken) genutzt wurden. Andere verteilten immer wieder kostenlos Lebensmittel, später wurden sogar dutzende Packungen Waffeln zu denen geworfen, die bereits von der Polizei eingekesselt auf dem Boden oder auf ihren Traktoren saßen. Jugendliche knüllten ihre Handschuhe zusammen und banden Schnur darum, um damit Fußball spielen zu können, Leute mit Trommeln und Rasseln machten Musik, das Rote Kreuz verteilte heiße Suppe und die Stimmung war allgemein (außer bei den Polizisten) ausgelassen und freundlich. Ungefähr jede halbe Stunde sprach die Polizei die "letzte Aufforderung" aus, und las aus der Verordnung vor, die den Wendländern das verfassungsmäßige Recht auf Versammlungen entzieht. Dass die Versammlung "um 16:00 Uhr aufgelöst wurde", wurde auch nachts um eins noch ausgerufen. zum Glück hatten die Demonstranten auch mehrere Megaphone und eine Lautsprecheranlange vor Ort, sodass alle neueste Informationen und noch mehr Musik bekamen.


Gegen ein Uhr nachts machte die Polizei dann ernst. Die angereisten Polizisten aus Magdeburg bildeten einen Kessel um die Blockade, der jedoch aus zweifelhaften Gründen an einem der drei einzigen Zugänge zum Demonstrationsort offen gelassen wurde. Es sollte nun einer der Traktoren, die bereits beschlagnahmt worden waren, weggefahren werden. Dazu stieß die Polizei in einer Reihe zum Traktor vor, entfernte die absolut passiv darauf sitzenden Jungen, Mädchen und Männer durch Herunterzerren und ließ ihn an. Dann wurden ohne jede Vorwarnung Demonstranten, die auf dem Boden saßen, quer über die Straße gezerrt und die noch stehenden zur Seite und auf andere Sitzende, unter ihnen eine geistig behinderte Frau, geschubst. Ein Polizist versuchte in diesem Moment, unseren Freund Hauke aus unserer Reihe zu reißen - völlig ohne Sinn, denn die einzige Richtung, in die er ihn hätte ziehen können, wäre die Fahrbahn des Traktors gewesen. Wir hielten ihn zu dritt fest, und als der Polizist merkte, dass sein Vorhaben zu nichts führte, schlug er einfach auf Hauke ein. Wir konnten ihn dann zum Glück hinter unsere Linie ziehen, und der Polizist wurde von seinen Kollegen beiseite genommen, noch bevor wir "Dienstnummer!" schreien konnten.Nettes Detail am Rande: Noch Minuten vor dieser Aktion haben die Polizisten mit Digitalkameras Fotos von sich in grinsender Pose vor den Demonstranten gemacht. Abu Gusborn, irgendjemand?


Die von der Landesregierung eingesetzten Beamten, die rote Westen mit der sarkastischen Aufschrift "Konfliktmanagement" trugen, sahen es indes nicht als nötig an, sich der Szene auch nur zuzuwenden, wo Polizisten auf dem Boden sitzende Demonstranten traten, obwohl sie buchstäblich einen Meter davon entfernt standen. Auch die Kameraleute mit den wichtig klingenden Arbeitgebener (Reuters u.a.) hielten es nicht für nötig, diese Vorgänge festzuhalten. Ein Demonstrant, der am Straßenrand vom Roten Kreuz behandelt wurde, erzählte, dass ihn der Polizist, der ihm Tränengas ins Gesicht gesprüht hat, angegrinst hat.


Hauke fand schließlich als wieder relative Ruhe eingekehrt war den Polizisten wieder, der ihn mit der Faust geschlagen hatte, doch dieser antwortete nur arrogant, er habe das nicht getan, auf Hauke käme eine Anzeige wegen Verleumdung zu. Dumm für ihn, dass Hauke ein dutzend Zeugen für unsere Version der Dinge hat.


Als Jan und ich uns dann schließlich gegen 2:30 Uhr zurück auf den Weg nach Celle machten, kamen uns noch in Richtung Gorleben fahrend innerhalb von zwei Minuten achtundfünfzig Polizeibullies entgegen, auf der gesamten Strecke insgesamt gut 150."


mit solidarischen Grüßen,
Michael Büker

 
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