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Castorgedanken 2004 Drucken E-Mail

Castorgedanken 2004
von Jens Magerl

Bilder-Schnipsel
Der Castorzug dieses Jahres ist 400 Meter lang und 2200 Tonnen schwer. Er hat bei 100 km/h einen Bremsweg von 800 m. Der Zug besteht aus 2 Loks (Ludmillas – russische Bauart), 6 Personenwaggons, 12 Castorbehälter, 6 Personenwaggons, 2 Loks. Er hinterläßt auf seinem Weg durch Frankreich und Deutschland eine Schleppe aus krankmachender Neutronenstrahlung. Er schlägt eine Schneise ins demokratische Rechtssystem. Er hinterläßt eine Spur der Verwüstung in den Herzen vieler Menschen.


Im Zusammenhang mit dem diesjährigen Castortransport sind mir zwei Todesfälle bekannt. Im Vorfeld erschoß sich ein im Wendland stationierter junger BGS-Beamter auf den Gleisen. Wir wissen nicht, warum. Der Unglücksfall eines französischen Atomkraftgegners ging durch die deutschen Medien. Man möchte schreien. Und zugleich ganz stumm sein.


Wenn ich die Augen schließe, merke ich, daß ich voller Castor-Bilder bin. Was hier während der Castor-Tage passiert, übersteigt die Vorstellung der meisten, die es noch nicht erlebt haben. Schon lange, bevor es losgeht, militarisiert sich das Straßenbild. Vorm Bäckerladen parkt ein Wasserwerfer. An der Tankstelle werden Räumpanzer vollgetankt. Kolonnen von jungen Polizisten werden von A nach Z gekarrt, die meisten schlecht informiert und haarsträubend ahnungslos. Containersiedlungen für Uniformierte werden aus dem Boden gestampft. In diesem Jahr wurde für 1,5 Millionen € im Städtchen Lüchow ein neuer Castorknast gebaut (auf amtsdeutsch GESA: Gefangenensammelstelle). Wohlgemerkt – für ganze zwei Tage und Nächte pro Jahr!


Wie immer um diese Jahreszeit ist etwas Seltsames in unsere Telefone gefahren. Manche Verbindungen kommen nicht zustande. Manche Gespräche brechen auf halbem Wege zusammen. Manchmal knackt es, als säße man auf sibirischen Eisschollen.


Im November schleichen viele heimliche Leute durchs Wendland. Den Bäumen, den Wänden, den Telefonleitungen wachsen große Ohren. Jemand hat mal einen Tag lang die „Zivilfahrzeuge“ gezählt, die emsig wie die Ameisen die Lüchower Polizeikaserne hinein- und hinauswuselten. Im Tagesdurchschnitt waren es 4 Spitzelautos pro Minute.


Wozu der Aufwand? Steht der böse Feind vor der Tür? Welche Art von Angriff auf unser Grundgesetz ist denn zu erwarten? Die alljährliche „Allgemeinverfügung“ gibt ein paar vage Hinweise auf Gefahren, die von De-monstranten ausgehen. Daraus wird polizeilicher Notstand konstruiert. Das heißt für uns: Ausnahmezustand. Der amtlich beglaubigte Ausnahmezustand ist 70 km lang und 100 Meter breit. Die Wirklichkeit allerdings ist um ein Vielfaches gewaltiger als das Papier.



Samstag, 6. November


Seifenblasen im Nato-Draht
Die große Auftaktdemo in Dannenberg hat für uns wie jedes Jahr immer etwas Festliches. Die Sonne scheint. Noch ist die Lage entspannt. Die Polizei hält sich klug im Hintergrund. Auffallend viele junge Menschen strömen auf den Marktplatz. Das ist die neue Generation des Atomwiderstandes. Es gibt Musik, wir treffen viele Bekannte, wir werden immer mehr! Die Veranstalter schätzen die Teilnehmer: Es sind zwischen 5000 und 6000 Menschen gekommen! 200 Traktoren sind unterwegs. Auf dem Weg nach Dannenberg muß man sich auf längere Staus einrichten. Das alles ist sehr hoffnungsvoll!


In der Nähe des Verladekrans ist unübersehbar weit sogenannter Nato-Draht aufgespannt. Unsere Kinder gehen ganz nah dran und untersuchen das unbekannte Objekt. Auch ich betrachte die Details. Der mir bekannte Stacheldraht sieht dagegen aus wie ein Überbleibsel aus der Zeit der Neandertaler. Hier haben wir ein echtes High-Tech-Produkt vor uns. Es ist aus Edelstahl und mit unzähligen Klingen besetzt. Diese Klingen sind geformt wie kleine Streitäxte und rasiermesserscharf geschliffen. Die Enden der Klingen laufen spitz aus und sind in einem raffinierten Winkel verdreht. Vielleicht, damit sie größere Wunden reißen, höre ich die Kinder sagen. Wer denkt sich eigentlich so etwas wie Natodraht aus? Ingenieure? Designer? Ärzte? Wie gehen wir eigentlich miteinander um? Welche Spuren wollen wir in unserem Leben hinterlassen? …Das wird für mich immer mehr zu einer Schlüsselfrage des Atomwiderstandes. Der Natodraht wird immer raffinierter. Auch der unsichtbare… Die Kinder lachen und schicken den Polizisten Seifenblasen entgegen.



Sonntag, 7. November


Freundlicher Beginn
Heute soll bei uns noch einmal Familientag sein. Noch ein bißchen Kraft schöpfen für die ungewissen nächsten Tage und Nächte. Mittags habe ich einen Termin auf einer Pressekonferenz, abends will ich dann nach Langendorf umziehen. Dazwischen ist Zeit zum Sachen packen, zum Organisieren, zum Erzählen, zum Spielen mit den Kindern. Beim Frühstück fragen mich die Kinder, ob eigentlich schon mal jemand beim Castortransport gestorben wäre. „Nein“, kann ich sagen, „gottseidank noch nicht!“ Meine Kinder wollen es genauer wissen. „Und was wäre, wenn…?“ Ich weiß es nicht. Es wäre ziemlich schlimm für alle, glaube ich.


Heute gibt es im Wendland überall an der Castorstrecke heitere und fantasievolle Veranstaltungen. Sportliche Wettkämpfe auf den Castorgleisen, Landmaschinenvorführungen der Bäuerlichen Notgemeinschaft, Konzerte, eine Fahrradtour zwischen Verladekran und Erkundungsbergwerk… Besonders interessant finde ich, wie sich im protestantischen Norden eine Kirchgemeinde auf alte katholische Traditionen besinnt. Die evangelische Kirche in Langendorf ruft zu einer Sankt-Leonhards-Pferdeprozession auf. Denn der 6. November ist der Leonhards-Tag. Leonhard ist einer der „14 Nothelfer“, er wurde seit dem Mittelalter angerufen als „Löser der Ketten“ und „Befreier der Gefangenen“. Die Straßenmeisterei bezweifelt im Vorfeld, daß sich bei der Prozession tatsächlich um eine Tradition handelt und will über jedes teilnehmende Pferd eine Straßenbenutzungsgebühr und eine Haftpflichtversicherung verhängen. Die Gemeinde läßt sich darauf nicht ein. „Seit wann hat eine Straßenmeisterei über christliche Festtage zu befinden?“ wundert sich der Geistliche.


Schock
Von zu Hause aus verfolgen wir die neuesten Entwicklungen. Gegen 11.30 Uhr muß der Castorzug in Nancy (Frankreich) halten, weil sich zwei Menschen an die Gleise gekettet haben. Pause für zwei Stunden. Gegen 14.00 Uhr wird gemeldet, daß sich in Langendorf eine Treckerblockade gebildet hat. Das freut mich ganz besonders, denn es macht Hoffnung auf mehr. Ab heute abend bin ich auch dort! Gegen 15.00 Uhr hält der Castorzug in Avricourt (Frank-reich). Wieder haben sich Menschen an die Gleise gekettet. Mittlerweile sind die Rucksäcke gepackt und die Wanderschuhe gefettet. Wir sitzen bei Kaffee und Kuchen. Da klingelt das Telefon. Gegen 16.30 Uhr hat sich bei Luneville (Frankreich) ein schwerer Unfall ereignet. Ein Demonstrant ist vom Castor-Zug überrollt worden und kurze Zeit darauf gestorben. In Kürze wird es in Hitzacker eine Trauerkundgebung geben. Alle anderen Veranstaltungen werden abgesagt. Wir alle sind sprachlos, schockiert, bis ins Innerste aufgewühlt. Das, was schon immer befürchtet wurde, ist eingetreten. Wie soll es jetzt weitergehen?


Auf der Trauerkundgebung in Hitzacker stehen die Menschen dicht an dicht. Manche halten Kerzen in den Händen. Teelichte und Blumen werden auf den Boden gesetzt. Was soll man angesichts des Todes sagen? Die Menschen sind aufgewühlt. Viele sind auch wütend. Jetzt erst recht, höre ich leise von vielen Seiten.


Zwischen Dannenberg und Gorleben gibt es zwei mögliche Straßentransportstrecken für den Castor, eine nördliche und eine südliche. WiderSetzen hat in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit X-tausendmal-quer zwei friedliche Sitzblockaden vorbereitet: eine in Langendorf (Nordstrecke) und eine in Groß Gusborn (Südstrecke). Spontan dazugekommen sind mittlerweile in beiden Dörfern die Bauern mit ihren Traktoren. 38 Traktoren stehen in Langendorf kreuz und quer auf der Straße und bilden einen eindrucksvollen Stöpsel. Es ist Nacht geworden. Noch einmal eine ruhige Nacht. An einer Feuertonne wärmen sich Menschen die Hände. Ein Gospelchor singt und erwärmt die Gemüter. Die Menschen sind schweigsam, friedfertig, entschlossen. Kraftvoll.


Wir beraten, ob und wie wir weitermachen. Der Tod sitzt uns allen in den Knochen. Das Ergebnis ist einstimmig. Natürlich werden wir weitermachen! Wir sind auf der Straße, weil wir für das Leben eintreten.


Runder Tisch mit Ecken und Kanten
Kurzfristig bittet die Polizeiführung um ein Gespräch. Die Kirche in Dannenberg bietet ein Dach und einen runden Tisch. Am Tisch sitzen zwei Kirchenleute und Vertreter verschiedener Widerstandsgruppen. Ich bin auch dabei. Wir staunen, als die Vertreter der Polizei eintreffen. Die Gesamteinsatzleiter der Polizei und des BGS sitzen uns gegenüber. Was wollen sie von uns?
Sie äußern ihre Betroffenheit über den Todesfall. Jetzt wollen sie etwas über die „Befindlichkeiten“ auf Seiten des Widerstandes hören. Sie haben Sorge, daß die Lage außer Kontrolle geraten könnte. Wir erinnern die Polizei daran, daß das größte Gewaltpotential ja auf ihrer Seite liegt. Wenn es also keine Gewalttätigkeiten geben soll, dann muß die Polizeiführung vor allem dafür sorgen, daß diese Botschaft auch bis in die untersten Reihen ihres Apparates durchdringt.
Von Seiten der Kirche kommt ein Vorschlag. Als Zeichen der Trauer sollte der Castor-Zug von der Polizeieinsatzleitung gestoppt werden. Außerhalb des Wendlandes. Für eine symbolische Zeit. Das wäre ein deutliches Zeichen der Betroffenheit und des Respektes. Denn Innehalten und Schweigen sind im Umgang mit dem Tod angemessen. Herr Niehörster, der Gesamteinsatzleiter der Polizei, versichert, daß er nicht unter Zeitdruck steht. Er werde über alles nachdenken. Aber er werde sich natürlich auf überhaupt nichts festlegen lassen.


So gehen wir auseinander. Welche Absicht stand hinter diesem Gespräch? Interessiert sich die Polizei wirklich für unsere Gefühle? Und wenn ja – warum? War das Ganze mehr als ein gut berechneter Schachzug? In Kürze werden wir sehen, wie es um die Betroffenheit der Polizei bestellt ist. Dazu gehört mehr als eine schwarze Krawatte. Wir glauben der Einsatzleitung ihre Ernsthaftigkeit, wenn sie den Castorzug anhält. Wenn Panzer und Wasserwerfer in die Kasernen zurück fahren. Wenn uns die Polizei ab morgen ohne Waffen gegenübertritt.



Montag, 8. November


Wärme in der Kälte
Tiefes Schweigen in Langendorf. Die Umrisse der Treckerblockade im Morgennebel. Hähne krähen. Krähen schlagen mit den Flügeln. Ein Bild wie aus einem modernen Herr-der-Ringe-Film. Ein bißchen fremdartig in der Landidylle wirken die 20 Polizeibusse, in denen sich fröstelnde Beamte räkeln. Die Nachtschicht ist zu Ende. Bald kommt die Wachablösung. Bei den Traktoren dampft schon der Kaffee.


Die Bauern beginnen mit der Arbeit und verteilen Stroh auf die Straße. Wir richten uns auf einen langen Tag und auf eine lange Nacht ein. Da wollen wir es so warm und so gemütlich wie möglich haben.


Nach und nach füllt sich die Straße mit Menschen. Punkt 12.00 Uhr entschließt sich eine Gruppe von 100 Menschen, schon mal vorsorglich mit der Sitzblockade zu beginnen. Sie richten sich häuslich ein. Noch ist alles ruhig und entspannt. Noch sind die Castoren weit weg. Aber die Sitzenden bilden einen Kern, um den sich immer mehr Menschen gruppieren.


Ein paar hundert Meter weiter unten im Dorf, vor der Kirche, ist der Info-Punkt. Hier kom-men alle Neuen an. Hier gibt es ein Feuer und Nachrichten, hier kann man essen und sich stärken. Auf dem Boden brennen Kerzen, dazwischen liegen Blumen. Dieser Castortransport wird sich in unsere Seelen eingraben. Der Tod des jungen Franzosen hat uns mit tiefen Schichten von uns selbst in Berührung gebracht. Die Kirchgemeinde hat ihre Räume für uns geöffnet. Fleißige Frauen schmieren den ganzen Tag lang Brote und kochen heiße Getränke. Bäuerinnen bringen Torten und Würste. Niemand soll hungern oder frieren. Auch ist es bei Sitzblockaden von Vorteil, wenn man sich vorher etwas Gewicht angefuttert hat. Der Kirchenraum ist für uns geheizt. Auch wer nicht beten will, kann hier ausruhen. Kraft schöpfen, schweigen, weinen. Zur Not auch schlafen. Sich die Füße und die Seele wärmen. Hier ist ein guter Ort. Ich denke 15 Jahre zurück. Friedliche Revolution in der DDR. Auch dort hatten die Kirchen ihre Türen geöffnet. Viel Kraft ist damals aus den alten Gemäuern in die Straßen geflossen. Daß die DDR-Revolution ohne Blutvergießen auskam, hat viel mit den Kirchen zu tun.


Bei den Traktoren versammeln sich immer mehr Menschen. Niemand gibt etwas auf das 7 Millionen Quadratmeter große Versammlungsverbot. Wo das Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Dieser Spruch ist hier so geläufig wie eine Bauernregel.


Es ist kalt. Aber vieles erwärmt uns. Chöre singen. Posaunen und Trompeten lassen die Trommelfelle vibrieren. Ein „geistliches Wort zum Montag“ wird gesprochen, bei dem auch mancher Atheist fromme Gefühle bekommt. „Wir wollen nicht auf Macht noch Heer vertrau-en, sondern die anderen Wege gehen!“ Jawohl, denken viele der Versammelten und nicken zu den Polizeibussen hinüber.


Trauer und Tod
Um 16.00 Uhr gibt es in der Nähe von Dannenberg eine große Trauerkundgebung. Natürlich geht dort nur hin, wer seinen Platz zum Widersetzen noch nicht eingenommen hat. Wir bleiben in Langendorf, und wir verbinden uns in einer Schweigeminute mit all den anderen, die jetzt an den toten Sebastien Briard denken. In vielen Städten Deutschlands gibt es heute Gedenkveranstaltungen. Auch die Medien zeigen deutliches Interesse. Der Tod ist öffentlichkeitswirksam. Und dabei doch so verdrängt.


Mit dem Tod im Bewußtsein würden wir anders leben. Wir würden anders miteinander umgehen. Das Leben ist kostbarer, wenn man sich an seine Zerbrechlichkeit erinnert. Wenn ich die eigene Endlichkeit im Bewußtsein habe, dann wird mir klar, wie absurd das Thema Atomkraft ist. Wie wahnwitzig!


Nach der Trauerkundgebung strömen neue Menschen nach Langendorf. Langsam rückt der Termin näher. Wir haben eine Verabredung mit dem organisierten Wahnsinn. In Langendorf sind jetzt etwa 500 Leute. In Gusborn an der Südstrecke haben sich 1000 Menschen versammelt. Und viele sind noch unterwegs. Viele sind auch anderswo.


Überfallkommando
Noch ist alles ruhig. Viele schlendern zwischen der Kirche und der Sitzblockade bei den Traktoren auf und ab. Langsam wird es dunkel. Niemand denkt sich etwas Böses. Plötzlich flimmert die Luft. Mit großer Geschwindigkeit rauschen Blaulichtwagen heran. Poli-zeibusse. Sie fahren an der Kirche vorbei, nach oben, zu den Traktoren und zu der Sitzblockade. Bis zur Kirche hin säumen sie die Straße. Uniformierte springen heraus und sperren den Weg. Der Ernst hat begonnen. Ich stehe an der Kirche, der Blick zum Horizont und zu den Traktoren ist mir versperrt. Dort hinten sitzen meine Freunde auf dem Stroh. Seit Jahren sind wir eine vertraute und bewährte Gruppe. Sie sind jetzt drinnen. Und ich stehe außerhalb des Geschehens. So kann das nicht bleiben!


Heimliche Wege
Gemeinsam mit einem Freund schlage ich mich in die Büsche. Wir springen über Stacheldraht, waten knöcheltief durch Kuhfladen. Ein großer schwarzer Wachhund schleckt uns das Gesicht. Ein Bauer führt uns über seinen Hof. Wir sehen die Castorstraße, die Traktoren, die Sitzenden. Aber als wir über den Zaun springen, werden wir von der Polizei gefaßt und wieder nach draußen gebracht. Ist das nicht absurd? Zwei Männer, die versuchen, in den Knast einzubrechen und immer wieder von den Wärtern hinausgeworfen werden… Es finden sich andere Stacheldrähte. Frische Kuhfladen, in die noch niemand vor uns getreten ist. Außer uns streichen noch andere dunkle Gestalten über die Wiesen. Wir brauchen mehrere Anläufe. Schließlich finden wir einen Durchschlupf.


Kesselgefühle
Wir sind drin! Im Polizeikessel. Von einer Flutlichtanlage gut ausgeleuchtet. Ich habe dicke Socken und warme Pullover an. Aber an eine Sonnenbrille habe ich nicht gedacht. Mit uns im Kessel ist das Küchenmobil von „Rampenplan“ – holländische Freunde, die uns wie in jedem Jahr unterstützen. Die ganze Nacht werden sie damit beschäftigt sein, für uns heiße Suppen zu kochen. Einen Kessel nach dem anderen. Wir haben ja so viel! Ein himmelblaues Dixi-Klo, ein Feuer, einen Lautsprecherwagen. Stroh und ein paar Decken. Wir haben Seelsorger und einen Rechtsanwalt. Und wir haben uns mit unserer Hoffnung auf das Leben. Wir sind nicht hier, weil wir zufällig gegen irgendwas sind. Dafür frieren wir uns nicht die Füße blau. Wir sitzen hier, um das Leben zu bewahren. Viele von uns setzen sich auch im Alltag für einen liebevollen und respektvollen Umgang miteinander ein. Nach zwei Stunden merken auch die Polizisten, daß von uns keine Bedrohung ausgeht. Sie entspannen sich. Von den Seiten sind immer mehr Menschen in den Kessel gesickert. Wir sind vielleicht 250.
Es gibt eigenartige Konstruktionen. In unseren Kessel darf man nicht hinein, aber jederzeit frei und ungehindert wieder herausspazieren. Bei der Nachbar-Blockade in Gusborn darf man hinein, aber nicht wieder heraus. Was bedeutet das? Ein Stratege in unserer Mitte liest die Zeichen und orakelt, daß der Castor über Langendorf fahren wird. Das verheißt nichts Gutes. Wenn der Castor kommt, fliehen die Menschenrechte. Aber dieses Mal soll ja alles anders werden. Die Polizeieinsatzleitung trägt Trauer. Wir sind gespannt, woran wir das erkennen werden. Der Castorzug mußte immer wieder einen Zwischenstop einlegen. Aber nicht wegen der Polizei.
Diese Ehre kommt ihnen nicht zu.


Aber jetzt ist der Kessel dicht. Von den Seiten her wird niemand mehr hereingelassen. Was sollen aber all die Menschen machen, die jetzt in den Privatgrundstücken stehen? Nur zum Gucken sind die meisten nicht gekommen. Gegen 22.00 Uhr erreicht uns die gute Nachricht. Unten bei der Kirche hat sich eine eigen-ständige Blockade gebildet. 70 Leute sitzen dort. Und es werden mehr!


Unterdessen beginnt die Polizei bei uns damit, die ersten Traktoren wegzufahren. Die Bauern haben sich mit dem Einsatzleiter geeinigt. Sie wehren sich nicht, dafür verzichtet die Polizei darauf, die Schlepper (wie schon oft) zu beschädigen. Gegen 22.30 Uhr ist der letzte Trecker weg. Wir kommen uns jetzt nackt vor. Mit den Traktoren im Rücken fühlten wir uns mächtig stark. Wo sie eben noch standen, liegt jede Menge loses Stroh. Ein uniformiertes Putzkommando rückt an. Ein Trupp von Stadtwachtmeistern ohne Land-Erfahrung. Mit Besen bewaffnet, rücken sie dem Stroh zu Leibe. Wir können uns das Lachen nicht verkneifen. Schon beim ersten Fegeversuch kürzt ein großer starker Kerl seinen Besen zum Handfeger. Fluchend arbeitet er mit den Stiefelspitzen weiter. Die Bauern hinterm Gartenzaun grinsen. Sie könnten ihnen ein Wunderwerkzeug namens Mistgabel zeigen. Aber sie tun es nicht. Die Stadtwachtmeister mit den Besen schwitzen. Das Stroh sträubt sich gegen die Borsten. Wir haben etwas zum Lachen. Und davon wird uns wärmer. In dieser Nacht gibt es Minusgrade. Der Mond blüht auf und mit ihm auch die Eisblumen.


Von allen bösen Geistern verlassen
Als der letzte Strohhalm von der Fahrbahn gekehrt ist, passiert etwas Wunderliches. Von vorn und hinten setzen sich Polizeifahrzeuge in Bewegung. Sie kommen nah an uns heran. Eilig setzen wir uns. Sind auf alles gefaßt. Auf das Äußerste. Aber sie wollen nichts von uns. Sie drehen. Und fahren weg. Zurückgeblieben ist die Flutlichtanlage. Und ein zerbrochener Besen. Wir wollen es nicht glauben. „Plötzlich sind wir von allen bösen Geistern verlassen“, sagt ein Freund. „Was machen wir denn jetzt?“


Es ist 22.15 Uhr. Die Castoren werden in dieser Nacht in Dannenberg vom Zug auf Sattel-schlepper umgeladen. Der Straßentransport beginnt meistens in den frühen Morgenstunden. Möglicherweise haben wir also noch eine Menge Zeit. Was machen wir also? Wir bleiben sitzen! Dazu sind wir doch gekommen! Je länger die Nacht ist, desto kälter wird sie. Viele liegen auf dem Stroh und haben sich in gold-farbene Rettungsfolien gehüllt. Wir fühlen uns wie im Märchen vom Rumpelstilzchen, wo Nacht für Nacht das Stroh zu Gold gesponnen wird. Bei uns ist es kälter als im Märchen; auch geht es uns nicht um Gold. Wir sind zufrieden, wenn es uns gelingt, aus den klammen Halmen ein paar Fäden Demokratie zu spinnen. Manchen wird es zu kalt. Manchen wird es zu langweilig – sie schlagen den Weg nach Gusborn ein, wo sie sich dringender gebraucht fühlen. Wir halten das Ganze für einen Trick. Wetten, daß der Castor doch über Langendorf fährt? Ein harter Kern von 150 Menschen bleibt eisern sitzen, hüpft und schaukelt sich immer wieder warm. Die Plätze um die Feuertonne sind begehrt. Die heißen Suppen, stündlich wechselnd, bewahren so manchen vor der Verzweiflung.


Die ganze Nacht ist Radio Freies Wendland life auf Sendung. Die Life-Berichterstatter sind wir selber. Wir rufen an und hören uns dann im Radio erzählen, was gerade passiert. Mosaikstein fügt sich zu Mosaikstein. Wir freuen uns, daß überall so viel los ist. Und wir jubeln, wenn wir eine bekannte Stimme hören. So vergehen die Stunden. 1.15 Uhr nähert sich ein Spezialkommando und rangiert ein Schlauchboot an unserer Blockade vorbei. Aus Richtung Gorleben rollen Räumpanzer und anderes schweres Gerät heran. Sie halten 100 Meter von uns entfernt, sammeln sich und drehen wieder ab. Entweder will uns die Einsatzleitung verwirren. Oder aber sie ist selbst verwirrt. Die Blockade bei der Kirche hat kräftige Verstärkung bekommen. Eine Gruppe von 60 Menschen ist durch die Polizeikette „geflossen“. Die völlig verblüfften Beamten hatten diesen gut organisierten Eindringlingen wenig entgegenzusetzen.


Das Radio meldet, daß Greenpeace mit 70 Aktivisten auf das sogenannte Endlagergelände gedrungen ist. Auf einem Förderturm haben sie ein riesiges Transparent entrollt: „Sicheres Endlager? Hier sicher nicht!“ 14 Leute haben sich oben am Turm angekettet. Stunden vergehen. Dann ein neuer Jubel. In Quickborn haben sechs Bauern einen Traktor mit einem Betonklotz auf die Castorstraße gefahren. Sie haben sich an ihr Gerät gekettet, die Arme tief in Röhren gesenkt. Der bauernschlaue Mechanismus ist so raffiniert ausgetüftelt, daß sich die Polizeitechniker daran die Zähne ausbeißen. Bald geht die Sonne auf. Noch immer ist die Castorstraße voller Hindernisse. Halbstündlich die Nachricht: Noch immer sind die Bauern in Quickborn auf der Straße! Sie verstopfen den Weg über Langendorf. Hallo, ihr Freunde in Gusborn! Sammelt eure Kraft!


Räumung
Mit den ersten Sonnenstrahlen kommt die Polizei zurück. Grünes Blech, soweit das Auge reicht. Jetzt ist es soweit. Wir nehmen Platz. Der Polizeilautsprecher kündigt die Räumung unserer Sitzblockade an. Darauf erzählt unser Lautsprecher der Polizei ein paar Worte zu den Hindergründen unserer Aktion. Die Polizisten erhalten eine kurze Rechtsbelehrung und werden aufgerufen, sich auf dem Boden des Grundgesetzes zu bewegen. Dann beginnt die Räumung. Jede Person wird von der Polizei mit einem freundlichen „Guten Morgen!“ begrüßt. „Wollen Sie getragen werden oder möchten Sie lieber laufen?“ Wird hier heimlich ein Film gedreht? Niemals hätte ich geahnt, daß eine Blockade so höflich geräumt werden kann. Aber diese Höflichkeit ist der untrügliche Beweis: Der Castor fährt über Gusborn.


Wir werden weggetragen und gefilmt. Man bringt uns in ein Büro-Dorf aus Polizeibussen; dort werden unsere Personalien aufgenommen. Ich würde gern mal sehen, wie ein Computer platzt, weil er sich an Daten überfressen hat. Man leitet uns durch eine Gasse aus Polizeifahrzeugen auf eine einsame Wiese. Dort läßt man uns frei. Wir stapfen durch den Morgennebel in Richtung Kirchturm. Die Kuhfladen kommen mir bekannt vor…


Auf den Bürgersteigen von Langendorf stehen die Uniformierten Knüppel an Knüppel. Hier können wir nichts mehr machen. Und sowieso: Der Castor fährt über Gusborn. Dort wird brutal geräumt. In Gusborn regiert der Knüppel, nicht das Grundgesetz. In Gusborn ist von Herrn Niehörsters Betroffenheit wenig zu spüren. Die Polizei hat sich nicht geändert. Nur ihre Taktik ist geschmeidiger geworden. Die ruppige Räumung von Gusborn ist auch ein Schlag ins Gesicht aller, die um den Toten dieses Castortransportes trauern. Die Polizei setzt sich nicht nur über geltendes Recht hinweg, sondern auch über grundlegende Regeln des Anstandes. Sie haben keine Trauerzeit gehalten. Nichts! Sie haben das Ding durchgezogen, durchgeboxt, durchgeprügelt. Vieles ist auf der Strecke geblieben. Schweigend setzen wir uns in die Kirche. Hier ist es gastlich warm. Und uns ist so kalt. Von außen und von innen.


Die Füße sind bald wieder aufgewärmt. Doch die Seele friert. Wie gehen wir mit unserer Welt um? Was hinterlassen wir denen, die nach uns kommen? Viele von uns sind bei diesem Ausnahmezustand mit etwas sehr Großem in Berührung gekommen. Aus diesem Großen fließt die Kraft, die uns jedes Jahr wieder auf die Straßen treibt. Denn das Leben ist kostbar.

 
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