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Castortagebuch 2005 Erlebnisse und Betrachtungen in 9 Bildern Drucken E-Mail

Gorleben_Castor_2005Castortagebuch 2005 Erlebnisse und Betrachtungen in 9 Bildern
von Jens Magerl

Niemand kann dieses Mal so genau sagen, wann die Castortage eigentlich begonnen haben. Es gab eine große Heimlichtuerei um den Termin des Atommülltransports – Vorboten der vor-weihnachtlichen Zeit mit ihren Rätseln und Tuscheleien. Am 5.11.05 gab es in Lüneburg eine große Demo gegen Atom und für erneuerbare Energie. Es waren nach eigenen Schätzungen 7 000 Menschen gekommen. Auch Polizei bevölkerte die Straßen. Und sie gaben kein gutes Bild ab, denn sie sahen bucklig aus. Waren krumm und auf-gedunsen von den Rüstungen, die sie unter ihren Uniformen trugen. Wie kann man sich zu solch einem festlichen Anlaß nur so unpassend kleiden! Viele Menschen schüttelten ob solcher Geschmacklosigkeit nur die Köpfe…

Das eigentliche „Auftakt-Wochenende“ begann am Samstag, den 19. November. Vielleicht kann man den Atomwiderstand mit einem Gemälde vergleichen. Es gibt mittlerweile eine Menge von Gruppen, die sich Spezialkenntnisse für bestimmte „Farbtöne“ erarbeitet haben. Und aus der Vielfalt der Farben entsteht dann ein buntes und aufregendes „Gesamt-kunstwerk“. Ich will und kann nicht die ganze Breite der Aktionen beschreiben, mit denen sich die Menschen dieser größenwahnsinnigen Mülltechnologie entgegenstellten. Ich beschreibe nur einen kleinen Ausschnitt, ein paar Schnappschüsse aus Szenen, die ich selber erlebt habe.

Dabei beginne ich
am Sonntag, den 20.11.05

1.Bild: Hinab in die eigenen Tiefen
Es ist Nachmittag. In der Kirche von Langendorf läuft seit Stunden ein wunderbares Kultur-programm. Langendorf liegt zwar mitten im 72 Kilometer langen Versammlungsverbotskorridor, aber darum kümmert sich hier im Wendland sowieso kaum jemand. Noch sind die Castoren weit weg. Wir sind mit der ganzen Familie da. Die Kirche ist bis zum letzten Platz gefüllt. Ein Geiger und eine Akkordeonspielerin heizen ordentlich ein, dann wird ein Stück aus einem Requiem gesungen. Dieses Konzert bietet Gelegenheit, in die eigenen Tiefen hinabzusteigen. Die Menschen drängen sich, um Kraft für die kommenden Tage zu sammeln. Für Grenzerfahrungen jenseits der Grenzwerte. Ich kann nicht lange bleiben. Ein Freund ruft mich nach Klein Gusborn.

2. Bild: Verstopfung
Wieder mal ist die Zeit der langen Fußmärsche angebrochen. Klein Gusborn ist für zivile Diesel- und Ottomotoren gesperrt. Die Polizei riegelt großräumig ab. Den eigentlichen Grund dieser Sperrung werde ich eine halbe Stunde später besichtigen können. Die Mediziner sprechen vornehm von Obstipation. Im Volksmund heißt es Verstopfung. Wir alle haben schon mal Menschen gesehen, die an Verstopfung leiden. Aber so etwas Ver-stopftes wie dieses Dorf sieht das Wendland nur selten. Doch Klein Gusborn leidet nicht – ganz im Gegenteil! Es feiert seine Verstopfung in den höchsten Tönen. Alle, die ich treffe, sprechen davon. In Klein Gusborn sind 116 Traktoren der Bäuerlichen Notgemeinschaft steckengeblieben. Sie stehen so dicht, daß man nur durchkommt, wenn man den Bauch einzieht. Während ich durch die Dunkelheit laufe, rasen 30 Polizeifahrzeuge mit Blaulicht an mit vorbei. Das „Abführmittel“ ist also schon auf dem Weg. Ein paar Stunden später stehen die Beamten noch immer da. Niemand nimmt sie besonders ernst. Die Menschen sind mit Wichtigerem beschäftigt. Ich muß zurück zu meiner Familie. Mir kommt ein Blaulichtgewitter entgegen. 58 Poli-zei“wannen“, dahinter eine Menge schweres Gerät. Klein Gusborn muß mit einem Einlauf rechnen.

3. Bild: Schlafendes Gorleben
Die wendländische Gruppe „WiderSetzen“ hat für dieses Jahr einige Aktionen im Dorf Gorleben angekündigt. Musik und Tanz mitten im schönsten Versammlungsverbot sind angekündigt. Und, wenn die Zeit gekommen ist, natürlich auch Sitzblockaden, das Markenzeichen von WiderSetzen. In der Mitte des Dorfes neben der Kirche gibt es eine genehmigte Mahnwache. Am Ortseingang einen Infopunkt mit Küche, gutem Essen, Schlafplatzbörse, mit Internet-Castornachrichten, mit einem großen Lagerfeuer und einer Menge erwartungsvoller Menschen. Doch sonst scheint das Dorf zu schlafen. Wo sind die Menschen, wenn hier endlich mal was los ist? Sitzen sie vorm Fernseher? Interes-siert sie überhaupt, was hier draußen los ist? Wir haben im Vorfeld lange debattiert, ob es klug ist, ausgerechnet nach Gorleben zu gehen. Denn hier sind viele Familien finanziell mit der Atommafia verflochten. 80 Prozent, sagen manche, sind irgendwie Nutznießer von Zwischenlager und Erkundungsbergwerk. Beim Wort „Verantwortung“ denken viele Gorlebener Menschen wohl zuerst an die „wirtschaftliche Ver-antwortung“ direkt vor ihrer Nase, an ihre Jobs, an ihr Auskommen. Die Verantwortung für die Folgen des ganzen tödlichen Drecks liegt nicht so nahe, obwohl der Müll direkt vor ihrer Haustür steht. Oberirdisch. Im Auge des Taifuns ist es seltsam still. Das Dorf scheint in einen Dornröschenschlaf versunken. Man könnte meinen, wir sind nicht willkommen. Wir lassen uns nicht entmutigen. Auch die Prinzen, die Dornröschen wachküssen wollten, wurden mit Dornen empfangen.

4. Bild: Ein gewagter Sprung
Die Kirchen im Landkreis Lüchow-Dannenberg haben beschlossen, ihre Häuser und Kirchen für die DemonstrantInnen zu öffnen. Schließlich ist Gastfreundschaft eine christliche Grundtugend. Doch das Gemeindehaus in Gorleben, das den schönen Namen „Haus der Begegnung“ trägt, ist verschlossen. Hier begegnen sich bestenfalls die Mäuse im Küchenschrank. Wir hatten etwas anderes erwartet und besprochen. Der Pastor steckt in der Zwickmühle. Denn sein Kirchenvorstand hat beschlossen, uns im Regen stehenzulassen. Wir denken an die bevorstehende Weihnachtszeit. Wenn Maria und Josef in dieser Situation nach einem Schlafplatz gefragt hätten… der kleine Jesus wäre nach dem Willen des Vorstands nicht im Gemeindehaus zur Welt gekommen, sondern im Stroh neben der Kirche, gewärmt vom Feuer der Mahnwache. Nach einigem Verhandeln schiebt der Pastor seine diplomatischen Bedenken beiseite. In man-chen Situationen ist Gastfreundschaft wichtiger als ein Vorstandsbeschluß. Der Pastor schenkt uns sein Vertrauen und gibt uns den Schlüssel. Wahrscheinlich ahnt niemand von uns, wie dunkel der Schatten ist, über den er springen mußte.

Montag, 22.11.05

5. Bild: Sofas, Sinnkrisen und Walzer
Mittags geht es los. Nach einem „gewaltfreien Blockadetraining“ zum Aufwärmen und Appetit bekommen setzt sich ein Menschenzug von etwa 100 Leuten in Bewegung. Ein eilig heranei-lendes Polizeiauto fragt höflich, ob wir nicht noch ein paar Minuten warten könnten. Aber schon ist der Zug auf der Castorstraße, im Versammlungsverbot. So mancher Polizist durchleidet im Wendland eine stille Sinnkrise. Castorpolizei ist hier uner-wünscht und wird nach Kräften ignoriert. Viele verstehen die Welt nicht mehr. Jetzt werden Instrumente hervorgeholt und, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte Gor-lebens, wird Tango und Walzer auf der Straße getanzt. Musik ist anziehend, das Radio berichtet und die Leute machen sich auf den Weg, um mit uns das Tanzbein zu schwingen. Auch Polizei kommt und steht sauertöpfisch am Rand. Ein Walzer in Rüstung – was wäre das für ein Bild! Die Musiker lösen sich ab. Inzwischen ist ein Tanzlehrer für Kreistänze aufgetaucht. Die Polizei beschränkt sich im Moment auf ihre wesentliche Aufgabe: Sie regelt den Verkehr. Wenn wir einen großen runden Kreis tanzen, ist die Straße gesperrt. Wenn sich der Kreis zu einem schlanken Ei zusammendrückt, können ein paar Autos fahren. Gegen 14.30 Uhr rücken wir zur Seite, um ein schickes silbernes Auto mit einem großen ge-schlossenen Hänger durchzulassen. Doch dann geht der Motor aus. Welch ein Zufall! Innerhalb von Sekunden ist die Plane weg und der Hänger entladen. Teppiche werden über den Asphalt gebreitet, Sessel und Sofas liebevoll aufgestellt. Die Frau im silbernen Auto lacht und fährt weiter. Zufälle gibt es! Das Tanzen ist erst mal vorbei. Wir lassen uns nieder und machen es uns gemütlich. Für die Einsatzleitung wird es ungemütlich.

6. Bild: Wo man singt, da laß dich ruhig nieder…
Unsere gemütliche Sitzblockade hat offensichtlich etwas Anziehendes. Zuerst zieht sie junge Herren und Damen in Kampfanzügen an, die sich in einem großen Kreis um uns herumstellen. Ich muß mich belehren lassen, daß dies kein Kreistanz sein soll, sondern ein Kessel. Ein Polizeikessel ist in Wirklichkeit vielleicht nichts anderes als der etwas unbeholfene Versuch eines Beamtentanzes. Aber auch normal gekleidete Menschen strömen nach Gorleben. Immer wieder gibt es Lücken in der Umzingelung. Unsere Blockade füllt sich. Eine Musikerin mit einem Saxophon um den Hals springt von einem Gartenzaun aus über die Köpfe der Polizisten zu uns hinein. Vielen aber gelingt es nicht, durch die Polizeiabsperrung zu gelangen. Doch die Menschen im Wendland sind flexibel. So bildet sich eben eine zweite Blockade ein Stück weiter oben im Dorf. Die Polizei ist mit etwa 10.000 Einsatzkräften im Wendland offenbar personell unterversorgt. Der Einsatzleiter kaut lange vergeblich an den Worten für die korrekte Formel, die nötig ist, um eine vom Grundgesetz geschützte Versammlung aufzulösen. Darin hat die Castorpolizei keine Übungen. Bisher galten ihnen in der „demokratiefreien Zone“ die eigenen Worte als Maßstab aller Dinge. Doch die juristischen Nachspiele der letzten Jahre rütteln nun endlich auch die Polizei aus ihren Allmachtsträumen. Es gab einige richtungsweisende Urteile. Der Polizei drohen möglicherweise unübersehbare Schadensersatzforderungen. Ein wichtiger Teil des „Castorstoppens“ findet also auch außerhalb der Transporttermine statt – in Anwaltbüros und Gerichtssälen. Unsere Blockade, nach vielen Versuchen nun endlich korrekt „aufgelöst“, befindet sich in bester Stimmung. Noch nie habe ich solch eine charmante und musikalische Straßensperrung erlebt. An allen Ecken wird gelacht und gesungen. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die „Gorleben-Singers“ mit ihren mitreißenden Liedern und komödiantischen Einlagen. Vielleicht hat die eine oder andere Polizistin ja leise Zweifel über die Richtigkeit von Gut und Böse bekommen. Gegen 17.00 Uhr beginnt die Räumung. Viele der eingesetzten Polizisten sind noch Milchge-sichter, zarte Jungs mit sorgfältig zurechtgemachten Frisuren. Vielleicht ist das Abtragen unserer Blockade eine Art Klassenarbeit für sie. Sie haben sich auch wirklich Mühe gegeben und fast keine unerlaubten Tricks angewandt. Wir haben uns innerlich darauf vorbereitet, ins Gefängnis gebracht zu werden. Zu unserer Überraschung werden wir hinter eine Absperrung getragen… und sind frei.

7. Bild: Von Blockade zu Blockade
Wir nutzen unsere Freiheit gut. Ein paar hundert Meter weiter bildet sich die nächste Blockade. Insgesamt hat es an diesem Tag im Dorf Gorleben fünf verschiedene Blockadeorte gegeben. Viele Menschen, mit denen wir jetzt zusammen sind, kennen wir von der eben abgeräumten Veranstaltung. Inzwischen ist es dunkel und bitterkalt. Die Polizei tröstet uns mit Flutlicht und mit einer Um-zingelung aus frostigen Einsatzkräften. Wir haben viele Stunden Zeit und es ergeben sich lange und intensive Gespräche mit unseren Bewachern. Soll ich mich eigentlich freuen über einen Beamten, der mir als Mensch sympathisch ist, der als Privatmann die Atomkraft ablehnt, der aber auch kein Problem damit hätte, mir auf Befehl hin den Kopf blutig zu prügeln? Mir scheint, hier gibt es nicht nur eine Straßenblockade – hier gibt es auch jede Menge Blocka-den in den Köpfen. Und zugleich stehe ich inmitten von phantastischen, unwirklich erscheinenden Bildern, wie man sie außerhalb des Wendlands nur selten antrifft. Eine bunte Menschenmenge unter sternenklarem Himmel am Waldesrand, Dampf steigt auf im Scheinwerferlicht. Das Saxophon spielt verträumt „What a wondeful day“. Es ist unvergleichlich, hier zu sein. Ich lege mich aufs Stroh, um für ein paar Minuten unsere seltsame, schöne und absurde Welt zu vergessen. Das Saxophon spielt… und als ich die Augen wieder öffne, ist der Himmel voller Seifenblasen, die immer kleiner werden und bald schon nicht mehr von den Sternen zu unterscheiden sind. Seifenblasen unterwegs zu den Sternen. Ich denke an den Größenwahn unserer Gesellschaft. Wir spielen mit dem atomaren Feuer, ohne irgendwas zum Löschen zu haben. Und wir haben nicht mal den kleinsten Schimmer, was wir aufs Spiel setzen. Dickwandige Castoren sind angesichts der Ewigkeit nichts anderes als Seifenblasen. Betonköpfige Politiker auch. Die Kälte wird durch die Musik erträglicher. Ein Dudelsack spielt, das unermüdliche Saxophon sowieso, an vielen Stellen wird geflötet und gesungen, oft mehrstimmig.

8. Bild: Freunde der Technik
Richtig warm ums Herz wird uns, als wir von Ankettaktionen mit Traktoren und Betonklötzen in Grippel und in Langendorf hören. Wir sind voller Dankbarkeit und Bewunderung für die Menschen, die so viel einsetzen, die auch so große persönliche Risiken eingehen. Die Leute, die sich dort festketten, sind meistens Bauern, auch ein Arzt aus dem Wendland steckt in einem Betonklotz. Wer davon jemals etwas mitgekriegt hat, glaubt nicht mehr den Schauergeschichten vom „kri-minellen Widerstand“, die so oft von Ministern bemüht werden. Dann gibt es noch die zunächst unverständliche Nachricht von zwei Leichwagen, die sich in der Nähe der Traktoren festgesetzt haben. Diese Geschichte beschäftigt unsere kollektive Phantasie, und erst bei unserer nächsten Blockade in ein paar Stunden werde ich jemanden treffen, der einen kennt, der mit seinen technischen Fähigkeiten bei der Präparierung der Leichenwagen mitgewirkt haben soll. Diese Geschichte klingt, als käme sie aus einem phantastischen Roman, ist aber durch und durch wirklich. Da haben sich Leute Gedanken gemacht, wie man schnell und gründlich einen PKW im Straßenasphalt verankern kann. Zwei alte Leichenwagen wurden umgebaut. Man fuhr über einen Gully auf der Castorstraße und schaltete den Motor aus. Durch ein Loch im Boden wurde der Gullydeckel abgenommen. Mit einem Betonpropfen, der genau in den Gullyschacht paßte, wurden dann die Autos sozusagen mit der Straße verdübelt. Diese Pfropfen waren mit eisernen Krallen versehen, die sich als Widerhaken im Gully ausklappten. Außerdem befanden sich an der oberen Seite der Betonklötze Öffnungen, in denen sich Menschen angekettet hatten. Wir sind voller Hochachtung und Bewunderung.

Bei uns wechseln die Bewacher. Nun kommt eine Einheit aus Baden-Würtemberg, die man schon von weitem an ihrem Handwerkszeug erkennt. Sie tragen keine Gummieknüppel, sondern Holzknüppel. Das Fernsehen ist jetzt bei den Bauern. Entsprechend wird unsere Blockade auch wesentlich ruppiger geräumt. Es gibt zu viele Hooligans in Uniform, die sich im Scheinwerferlicht halbwegs korrekt verhalten, im Schatten aber Handgelenke verdrehen, Daumen in Augen drücken und Knie in Weichteile stoßen. Einer unserer Freunde ist bei der Räumung mißhandelt worden. Sein Körper schmerzt, aber mindestens genauso stark tut die Seele weh. Was tun die sogenannten Verantwortlichen eigentlich? Sie behandeln das Thema „Atommüll“ als einen rein technischen Vorgang. Sogenannte Menschen kommen dabei nicht vor. Leben auch nicht. Es geht um nichts weiter als um einen technischen Vorgang, dessen reibungsloser Ablauf garantiert werden muß. Die hohen Herren sind einer Maschine verpflichtet. Das gilt für Minister. Das gilt auch für die Einsatzleitung der Polizei.

9. Bild: Frostiges Ende
Nach einem kleinen Waldspaziergang sind wir an einem neuen Blockadepunkt. Auf dieser Straße geht es zum sogenannten Zwischenlager – zu einer oberirdischen Blechscheune, in der die Castoren für die nächsten Jahrzehnte auf Abkühlung warten sollen. Es ist eisig, aber die Menschen sind guter Dinge. Ein Sänger wirft seine Lieder gegen die Kälte und schont dabei weder seine Gitarre noch seine Stimme. Ein junger Mann klettert in eine Fichte und sägt unter sich die Äste ab. Das DRK kommt mit heißem Tee und mit Nudelsuppe. Gegen Mitternacht beginnt die Räumung. Als wir abgeräumt sind, kommt massenhaft Polizeiblech angefahren. An den Straßenrändern werden Gitter aufgebaut. Hier ist mit friedlichen Mitteln nichts mehr zu machen. Viele von uns sind jetzt seit 24 Stunden und noch länger auf den Beinen. Wir sind fertig.

Gibt es ein Gerät, um den Erfolg zu messen?
„WiderSetzen“ hat 12 Stunden lang die Straßen von Gorleben blockiert. Es gab 5 Blockade-punkte mit (in den besten Zeiten) bis zu 1000 Menschen. Für eine Menge von Leuten war das der erste persönliche Kontakt mit dieser Form von zivilem Ungehorsam. Es war eine Aktion, in der sich auch unerfahrene Menschen einigermaßen sicher fühlen können und bei der man sich auch spontan und ohne große Vorbereitung dazusetzen kann. Die Polizei muß mit uns rechnen. Wir spielen mit offenen Karten und sind zugleich unbere-chenbar. Natürlich bleibt ein klammes Gefühl. Es wäre höchst befriedigend gewesen, hätten die Castoren wegen unserer Blockaden bremsen müssen. Manche hätten es gern gesehen, wenn wir nach unserer Blockade noch mit vielen, vielen Men-schen die nächtlichen Wälder durchstreift hätten.

Mir persönlich liegt viel daran, mit Aktionen des zivilen Ungehorsams den Politikern ein deutliches Zeichen unter die Nase zu halten. Die Öffentlichkeit daran zu erinnern, daß die Atom-wirtschaft uns zu einem wahnwitzigen Glücksspiel zwingt. Als Pfand setzen sie meine und deine Gesundheit ein, unsere Gärten und die Zukunft der Kinder.

Diesem Wahnsinn können wir auf viele Arten entgegentreten: Mit Traktoren, mit Beton, mit dem eigenen Körper, indem wir den Stromanbieter wechseln* und keinen Atomstrom mehr kaufen, indem wir mit Nachbarn und Politikern sprechen, indem wir unsere Phantasie spielen lassen und etwas tun, was unserer Würde als aufrechte Menschen angemessen ist.

* Informationen z.B. unter http://www.stromwechsel-jetzt.de/

 
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