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Mein Urlaubsplatz auf der Strasse Castor-Tagebuch von Jens Magerl 2003 Drucken E-Mail

Samstag, 8. November 2003

Gerade komm ich mit vollem Herzen von der großen Auftakt-Demo aus Dannenberg. Die Stimmung war so schön und kraftvoll, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Die Veranstalter hatten mit 3000 Menschen gerechnet. 6000 waren gekommen. Der Verkehr um Dannenberg staute sich weiträumig. Kilometerlang ging es nur im Schrittempo voran. Selten habe ich mich so sehr über einen Stau gefreut. Es wurde wenig geredet und viel Musik gemacht (kurze Rede-langer Sinn). Alle Generationen waren dabei. Die 13000 Polizisten, die zur Zeit im Wendland sind, hatten sich mit ihren Kampfwagen bis zum Horizont zurückgezogen. Unser Zug, der sich durch die Stadt schlängelte, am Verladekran vorbei, dann rechts nach Splietau, reichte auch von Horizont zu Horizont. Wir waren wirklich Viele! Unter uns war eine 40köpfige Trommlergruppe aus Frankreich - extra angereist als "Grußbotschaft" des französischen Atomwiderstands. In Splietau erwarteten uns die Bauern mit etwa 200 Traktoren. Eine symbolische Wagenburg!. Wer das einmal gesehen hat, läßt sich von niemandem mehr einreden, daß der wendländische Protest von zugereisten Spinnern und Chaoten getragen wird.


Angesehene Anwälte von der Humanistischen Union und vom Republikanischen Anwaltsverein sprachen. Ein Thema war die Unrechtmäßigkeit des diesjährigen Versammlungsverbots. Ein anderes Thema war die "pauschale" Abhörung von Telefonen im Wendland, ohne konkrete Anhaltspunkte, rein auf flächendeckenden Verdacht hin. Und: Was hat das Ganzen für unsere Demokratie zu bedeuten? Eine Aborigine-Frau war vom anderen Ende der Welt zu uns gereist. Sie erzählte vom Atomwiderstand in Australien. Und sie sagte, sie hätte schon viel von den deutschen Demos und den unglaublich vielen Traktoren gehört. Jetzt war sie ganz bewegt, mit eigenen Augen und Ohren dabei sein zu können.


Als alles zu Ende war, fuhren die 200 Traktoren, die von allen Enden des Landkreises gekommen waren, in einer langen Schlange in dieselbe Richtung davon. In Richtung Gorleben. Man munkelte, sie haben noch was vor. Eine Art Trecker-Kunst. Mittlerweile habe ich im Internet gelesen, daß sie sich auf einer Wiese zwischen Gusborn und Langendorf festgesetzt haben. Wir dürfen gespannt sein.Morgen wird es überall an der Transportstrecke Kulturereignisse geben.


Sonntag, 9. November 2003, 21.00 Uhr

Den Bildern des Todes wollen wir Bilder der Hoffnung und Lebensfreude entgegensetzen. Seit etwa 2 Wochen gibt es überall rechts und links entlang der 18 km langen Castor-Straßen-Strecke Kulturveranstaltungen. Es ist wirklich schwer, sich für etwas zu entscheiden. In Langendorf, dort wo ich ab Montag Abend "wohnen" werde, gibt es das erste Wendländische Chorfestival. In fünf Stunden geben 13 Chöre Proben ihrer Lebenslust und ihres Könnens. Die Kirche ist voll. Zeitweise werden die Türen weit aufgesperrt, damit auch die Leute von draußen etwas hören. Das Konzert beginnt mit englischer Barbershop-Music und endet mit Posaunen. Dazwischen gibt es Kinder-, Widerstands-, Musikschul- und Kirchenchöre. Mit Worten kann ich den Zauber nicht beschreiben, der sich ausbreitet. Ihr müßt euch vorstellen, daß der Ausnahmezustand schon längst begonnen hat. 13000 Polizisten haben unseren Landkreis überzogen. Keine Straße zwischen Dannenberg und Gorleben, auf der sich nicht lange Karawanen von Polizeifahrzeugen bewegen. An den Waldrändern stehen Wasserwerfer und Räumpanzer. In der Luft kreisen Hubschrauber. Wer es nicht selbst einmal erlebt hat, kann nicht ermessen, wie bedrohlich dies alles wirkt. Doch diese Bedrohung
macht die Seelen weit. Die Musik findet in uns weit geöffnete Tore. In der Langendorfer Kirche breiten sich Mut und Hoffnung aus. Solange wir solche Musik in uns haben, werden sie uns nicht kleinkriegen. Wir werden uns der Bedrohung entgegenstellen, und wahrscheinlich werden sie uns mit ihrer technischen Überlegenheit von der Straße räumen. Aber unseren Mut und unsere verzweifelte Hoffnung werden sie nicht mit in den Straßengraben fegen.


Zwischendurch kam eine sehr aufmunternde Meldung. Robin Wood hat wieder mal einen der Gorlebener Bohrtürme besetzt. Sie kamen in ihren grünen Overalls sozusagen mitten in die Höhle des Löwen, in einen der zur Zeit bestbewachten Orte Deutschlands. Die Polizei schöpfte keinen Verdacht; vielleicht hielt man sie für Kollegen. Das war 6.30 Uhr morgens. Bis gegen 16.00 Uhr waren die Aktivisten auf dem Turm. Es ist kaum zu glauben und es ist ein gewaltiger Lacher für uns alle. Was aber wäre gewesen, wenn die Eindringlinge nicht mit friedlichen Absichten gekommen wären? Das Lachen könnte einem im Halse stecken bleiben. Nach fünf Stunden Chormusik wollen wir mit unseren fünf Kindern (Mechthild hat noch drei Gastkinder, deren Eltern während der Castor-Zeit an der Strecke sein wollen) noch kurz in Laase beim Zirkuszelt vorbeifahren. Geht aber nicht, denn in
Grippel hat sich zur selben Zeit, als der Castortransport in Frankreich startete, eine Trecker-Blockade "gebildet". Viele Leute haben sich drumherum aufgestellt; von einer Kühlerhaube herunter werden Gedicht deklamiert. Kultur auf der Straße. Und ringsherum Blaulicht, Blaulicht, Blaulicht.


Montag, 10. November 03

Pressekonferenz in Dannenberg. Ich soll für WiderSetzen sprechen. Die hohen Teilnehmerzahlen bei der Auftaktdemo haben das Interesse der Journalisten angefacht. Die Stimmung ist positiv. Wird die Öffentlichkeit in diesem Jahr etwas vom Ausnahmezustand im Wendland mitkriegen? Wird unseren Themen ein bißchen von der Aufmerksamkeit, die sie verdient haben, geschenkt? Es geht ja um weit mehr als um Energiefragen oder einen nur regionalen Konflikt. Es geht um die Bedrohung allen Lebens für einen unüberschaubaren Zeitraum, der Hunderttausende von Jahren umfaßt. Diese Bedrohung ist so unvorstellbar, daß sie abstrakt und unwirklich erscheint. Sehr faßbar und fühlbar dagegen ist die Bedrohung unserer Demokratie.


Atomkraft frißt Demokratie. Wer zur Castorzeit im Wendland ist, kann sich davon ein eindrückliches Bild machen. Pauschal und großräumig wird die Versammlungsfreiheit außer Kraft gesetzt. Über dem Wendland ist die schwarze Flagge der "Gefahrenabwehr" gehißt. (Mit "Gefahr" sind wir gemeint, nicht der Giftmüll!) Unter dieser schwarzen Flagge segelt die Polizei durch unsere Telefone, durch Amtsstuben, durch unsere Straßen. Sie hat unter dieser Flagge alle Befugnisse, die sie braucht. Die Wimpel der Demokratie werden verschämt für eine Weile vom Mast geholt.


Weit weniger verschämt ist unser Nachbarland Frankreich. Seit August dieses Jahres sind dort sämtliche Informationen über Nuklearprodukte dem Militärgeheimnis gleichgestellt. Natürlich auch unter der Flagge der Gefahrenabwehr. Bei Verstoß oder Widerstand drohen Freiheitsstrafen bis zu 7 Jahren oder Geldstrafen bis zu 100.000 ?. Somit ist es in Frankreich "günstiger", Plutonium zu stehlen als darüber zu informieren. Diese juristischen Neuregelungen sind fast unbemerkt von der Öffentlichkeit in Kraft getreten."Gefahrenabwehr" ist tatsächlich ein äußerst aktuelles Thema. Deshalb setzen wir uns im Wendland ja auch immer wieder auf die Straße.


Am Abend nach der Arbeit ziehe ich nach Langendorf um. Für die nächsten zwei Tage habe ich Urlaub. Mein Urlaubsplatz - ein Platz auf der Straße. Ich habe reservieren lassen. Meine Agentur heißt "WiderSetzen". Ich habe kein Pauschalangebot gebucht, sondern Extraklasse. Wie man mir versichert hat, sind verschiedene "Überraschungspakete" im Preis enthalten. Auf der verbotenen Castorstraße kommt uns ein Laternenumzug entgegen. Kinder und Erwachsene schwenken Lampions mit gelbem X - dem Zeichen des Widerstandes. An vielen Stellen des Wendlandes gibt es heute solche Laternenumzüge. Versammlungen sind ja weiträumig verboten. Allerdings, so wurde vor kurzem richterlich festgestellt, fällt die sogenannte "Brauchtumspflege" nicht unter das Versammlungsverbot. Deshalb versammeln wir uns in diesem Jahr unter dem unsichtbaren Banner der Brauchtumspflege.


Auf dem Weg ins Nachbardorf Quickborn weichen wir einer großen Pfütze aus. Irgendeine undichte Wasserleitung. Noch können wir nicht ahnen, daß es diese Pfütze bald zu einer gewissen Berühmtheit bringen wird. Klar, jeder denkt sofort an die Geschichte von der Wasserleitung, die von Unbekannten in den neuen Bahndamm des Castorgleises verlegt worden sein soll. Durch alle Köpfe zieht dieselbe Fantasie und über alle Gesichter läuft ein Grinsen. Die Gedanken wenigstens sind frei.


Wir sind nicht viele. Auch als wir uns mit Laternenträgern aus Quickborn vereinigen, sind wir noch immer ein eher kümmerlicher Haufen. Vielleicht dreißig Menschen. Auf der Südstrecke in Gusborn sieht es anders aus. Dort sind schon wieder Traktoren auf der Straße. Und hunderte von Menschen. Und natürlich viel Polizei - ungeladene Gäste eines wendländischen Brauchtumsfestes. Offensichtlich wird dieses spontane Fest mal wieder als Straßenblockade mißverstanden.Wir beschließen, unseren Nachbarn einen Besuch abzustatten. Ortskundige führen uns über enge Waldwege und quer über abgeerntete Felder. Das ist romantisch und ärgert die Magdeburger Polizeifahrzeuge, die uns begleiten und beobachten. Sie wechseln hektisch zwischen Vor- und Rückwärtsgängen. Die Ordnung verheddert sich. Wendländische Gepflogenheiten sind für Auswärtige manchmal schwer zu durchschauen.
Kurz vor dem Ziel schießt ein Einsatzwagen auf uns zu. Etwa 10 Beamte stellen sich uns in den Weg. Dabei sind wir noch ein paar hundert Meter vom Versammlungsverbot entfernt. Die Einsatzkräfte sind offensichtlich neu. Ehe sie es fassen können, sind wir durch ihre Kette hindurchgeflossen und gehen weiter in Richtung Volksfest. Die Uniformierten werden ärgerlich, überholen uns im Laufschritt und stellen sich erneut breitbeinig vor uns auf. Sie wissen noch nicht, daß sie bei diesem Zahlenverhältniss keine Chance haben. Wir glitschen durch die Absperrung wie ein nasses Stück Seife. Das haben wir schon oft praktiziert, und es passierte fast beiläufig. Hätte ich gewußt, daß dies für diesen Castortransport meine einzige Gelegenheit war, durch eine Polizeikette zu fließen - ich hätte es noch tiefer genossen. Man kann es sich theoretisch schwer vorstellen, aber es ist eine unvergleichliche Erfahrung. Dieses fassungslose Staunen, das sich auf den Gesichtern der Polizisten breitmacht.


Die Straße von Gusborn steht voller Traktoren, um die sich Trauben von Menschen gebildet haben. Dicht wie Ameisen kleben junge Leute auch auf den Dächern der Zugmaschinen. Aus einem Lautsprecherwagen plätschert Musik. Aus den Töpfen der Volx-Küche dampft heiße Suppe. Die Stimmung ist freundlich und gelassen. Irgendwo am äußersten Rand der Menschenmenge mengt sich Angst in die Atmosphäre. Um über die vielen Köpfe hinwegsehen zu können, muß ich auf einen der Traktoren klettern. Dort wo die Angst herkommt, steht Polizei, weißbehelmte Ritter in mehreren Reihen. Man sagt, daß sie sich auf eine Räumung vorbereiten. Daß sie erst die Leute von den Traktoren ziehen und dann die Maschinen kurzschließen und wegfahren.


Zur Castorzeit passiert es immer wieder, daß Bauern ihre Traktoren auf der Straße abstellen, den Schlüssel abziehen und dann weggehen. Darauf reagiert die Polizei immer mit großer Nervosität. Warum eigentlich? Militärtechnisch gesehen sind ein paar Traktoren wohl kaum ein ernstzunehmendes Hindernis. Vielleicht ist es die symbolische Bedeutung der Traktoren, welche die Einsatzleitung das Fürchten lehrt. Rebellische Bauern passen nicht in das Bild, das Regierung und Medien so gern von unserem Widerstand vermitteln. Es ist nicht leicht, einen Bauern als flippigen Chaoten darzustellen. Es ist schwer, die Bauern als gewaltbereite, unberechenbare, kriminelle Randgruppen abzustempeln. Denn ein Bauer ist ja sozusagen die Verkörperung von solider und bodenständiger Lebensweise.


Wieder in Langendorf, finden wir die Straße von einem Wasserwerfer abgesperrt. Auf etwa zehn Metern ist die Straße naß. Noch tröpfelt es aus der Kanone. Man läßt uns durch. Autos werden über den Radweg geschickt.Später erfahren wir, daß auf der Straße ein paar ölgetränkte Strohbündel gebrannt haben sollen. Die Feuerwehr war wohl nicht zum Löschen bereit, also kam der Wasserwerfer. Heute gehen wir zeitig schlafen. Eine Handvoll Leute schläft in der Kirche, andere
haben Privatquartiere. Das Kirchengelände ist in diesem Jahr das Zentrum des Widerstands. Wir träumen von Tausenden, die morgen hoffentlich den Weg hierher finden werden.


Dienstag, 11. November 03

Frühstück im Gemeindehaus. Wir leben wie die Maden im Speck. Es ist eine
Besonderheit des wendländischen Widerstandes, daß man immer reich und gut
versorgt wird. Gerade bei Sitzblockaden ist es ein Vorteil, wenn man sich vorher ein ordentliches Gewicht angegessen hat.


Bisher sind 40 Menschen gekommen. Wir beginnen mit einem Training. Die eine Hälfte muß Polizei spielen, die anderen sind die Demonstranten. Wir üben, gewaltlos durch Polizeiketten zu fließen, die "Polizisten" müssen anschließend die Straße wieder "räumen". Anschließend werden die Rollen getauscht. Dieses Training ist eine gute Einstimmung. Wir kommen mit unseren Grenzen in Berührung, aber auch mit unseren erstaunlichen Möglichkeiten. Wir lernen auch einiges über die Befindlichkeit der Gegenseite. Die echte Polizei steht in der Nähe und beobachtet. Man muß sich vor Augen halten, daß wir mitten in der Verbotszone stehen und sitzen. Es ist eigenartig, daß sie uns so lange in Ruhe lassen. Der Castorzug ist irgendwo bei Lüneburg. Er kommt nur langsam voran. Immer
wieder setzen, stellen und legen sich ihm Menschen in den Weg. Wenn der Zug in Dannenberg eintrifft, wo die giftigen Mülltonnen umgeladen werden, wollen wir die Straße in Besitz nehmen.


Um 11.11 Uhr erscheint ein Traktor. Auf dem Anhänger liegen gelbe Blechfässer, die sich alsbald in Samba-Trommeln verwandeln. Heute ist der 11.11. - und wie es der Brauch will, setzt sich ein vierzigköpfiger Karnevalsumzug in Bewegung, die Trommeln an der Spitze. Die Leute gucken hinter den Gardinen. Wahrscheinlich ist es der erste Karnevalsumzug, den sie auf dieser Straße gesehen haben. Sie können in aller Seelenruhe gucken, denn in den nächsten 10 Stunden werden wir im Wesentlichen nichts anderes tun als 500 Meter die Straße raufzugehen, zu drehen, die Straße wieder hinunterzulaufen. Immer mal ändert sich der Rhythmus unserer Trommler. Der Weg aber bleibt immer derselbe. Die Sonne steigt hoch und geht wieder unter, Schulkinder, die mit ihren Hausaufgaben fertig sind, schließen sich uns an, essen Abendbrot und müssen ins Bett. Den ganzen Tag lang haben wir einen Polizeibulli im Schlepptau, immer denselben. Bei jeder Kurve und Kehrtwendung verdrehen die Beamten ihre Augen. Sie haben wirklich einen harten Einsatz! Inzwischen ist es dunkle Nacht, aber selbst mit geschlossenen Augen kenne ich die Farben jeder Hausfassade. Ich weiß, wo der Schützenkönig von 1971 wohnt und wo die fettesten Tauben nisten. Wir sind jetzt etwa 100 Leute. Die "Tausenden", auf die wir gewartet haben, sind nach Gusborn und Grippel gezogen.


Langendorf scheint abgeschrieben zu sein. Daß die "Nordstrecke" aufgegeben scheint, hat mit der Pfütze zwischen Langendorf und Quickborn zu tun. Das Wasser kam nicht aus einem Rohrbruch, sondern aus einer eigens gelegten Leitung, die wohl die Aufgabe hatte, die Castorstraße zu unterspülen. Wie wir hören, hatte die Polizei wenig Vertrauen in die hiesigen Fachkräfte und so nahm sie die Reparatur der unterhöhlten Straße in die eigenen Hände. Während wir ein paar Kilometer weiter oben die Straße mit karnevalistischem Treiben füllen, füllt die Polizei weiter unten die Straße mit Schotter und Asphalt. Auch für sie ist das ein hartes Tagwerk.


Gegen 21.00 Uhr füllen sich die Horizonte mit Blaulicht. Von vorn und von hinten nähern sich Polizeifahrzeuge. Unser Karneval nähert sich dem Ende. Vor der Kirche lassen wir uns auf der Straße nieder. Wir haben es uns verdient. Unsere Beine sind müde. Unser Geist aber ist wach und gespannt. Per Radio und per Stoßgebet rufen wir immer wieder um Verstärkung - vergeblich!
Der "Rohrbruch" hat sich rumgesprochen, auch daß die Straße nicht mehr passierbar ist. Daß die Polizei aber seit 17.00 Uhr mit den Reparaturarbeiten fertig ist, nimmt kaum jemand zur Kenntnis. Die meisten Leute, die blockieren wollen, sitzen schon in den anderen Dörfern. Und wer gut sitzt, sollte ja so lange wie möglich sitzen bleiben.


Wir auch. Wir rühren uns nicht von der Stelle. Wir sind der verlorene Posten, ein Häuflein von vielleicht 70 Leuten.Vor uns und in unserem Rücken baut sich so etwas wie eine Armee auf. Wenn ich der Einsatzleiter wäre, würde ich die Castorkarawane über Langendorf schicken. Wir fangen an zu rechnen. Dabei wissen wir genau, daß sich unser "Unternehmen" nicht auf Zahlen gründet, daß bei solchen Ungeheuerlichkeiten, wie sie vor uns liegen, sowieso nie eine Rechnung aufgeht. Wir wissen, daß unser Widerstand einen großen "Symbolwert" hat. Die Castoren lassen sich von uns paar Leuten nicht wirklich stoppen. Sie werden rollen, notfalls auch "über Leichen".


Und trotzdem können wir etwas bewirken. Normalerweise agiert die Atomwirtschaft im Verborgenen, im Dunkeln, hinter verschlossenen Türen. Hochbrisante Sachen spielen sich im stillen Kämmerlein ab und in Sicherheitstrakten. Sie sind gern unsichtbar. Doch für die Atommülltransporte müssen sie einen Zipfel ihrer Tarnkappe lüften. Sie müssen in den öffentlichen Raum hinaus. Jeder Castorbehälter ist ein Schrei, der unsere Aufmerksamkeit auf die ungelöste Entsorgungsfrage lenkt. Wir lassen uns nicht "ent-sorgen", wir sorgen uns weiter um unsere Welt. Und dafür sitzen wir vor der Kirche auf der Straße von Langendorf.
Noch könnten wir gehen. Wir vergewissern uns unserer Kräfte. Wie viel kann ich wagen? Wie viel kann ich ertragen? Gegenüber nehmen die Truppen Aufstellung. Jetzt sind wir etwa 60 Menschen auf der Straße. Einige stehen etwas am Rand und wärmen sich die Hände am Feuer. Wenn es ernst wird, werden wir noch 17 sein. Ein Mann steht auf und zieht ein Buch aus der Tasche. "Verehrte Damen und Herren!" ruft er. "Jetzt ist die Zeit gekommen, uns ein wenig zu entspannen. Ich möchte einen Gedichtzyklus von Erich Kästner zu Gehör bringen. Die Monate. Ich beginne aus aktuellem Anlaß mit November, dann geht es mit Januar weiter."


Und er beginnt, vor einem ungewöhnlich aufgewühlten und staunenden Publikum Kästners Verse vorzutragen. Seine Stimme donnert und schmeichelt. Ein Zauber legt sich über uns, eine Kuppel aus Hoffnung und Humor. Im Hintergrund räuspert sich ein Megaphon, aber niemand achtet darauf. Die Polizeistimme schnarrt, wir wissen schon vorher, was sie zu sagen hat. Wir wollen es nicht hören. Wir wollen den Gedichten lauschen. Einige, die schon aufgestanden waren, setzen sich wieder. Wenn es ernst wird, werden wir 25 sein. Die Polizeistimme will schon wieder etwas. Der Rezitator läßt sein Buch sinken. "Meine Damen und Herren von der Polizei!" donnert er. "Bitte beachten Sie, daß Sie sich hier in einer Kulturveranstaltung befinden. Wenn Sie etwas zu sagen haben, dann bitte erst, wenn ich fertig bin!" Unser Applaus gibt ihm recht und die Polizei schweigt. Als das Megaphon das nächste Mal rauscht, ruft der Rezitator: "Ich bin erst bei August! Könnt ihr denn nicht zählen? Ein Jahr hat mindestens 12 Monate. Soviel Zeit muß sein!"


Er liest bis Dezember. Unserem Applaus kommt er mit einer schneidenden Handbewegung zuvor. "Bei Kästner gibt es noch einen 13. Monat. Das Leben ist voller Überraschungen."Er liest bis zum letzten Satz. Als er das Buch zuklappt, kommt die Polizei. Im Laufschritt. Wir werden eingekreist. Jetzt sind wir 25 Menschen, die noch auf der Straße sitzen. Wir fangen an zu singen. Das ist dem Ernst der Lage angemessen. Das gibt uns Kraft und besänftigt auch die aufgeregten Polizisten.


22.00 Uhr
Von draußen werden uns Liederbücher in den Kessel gereicht. Wir singen von vorn bis hinten alles durch. Es scheint, als hätte die Polizei logistische Probleme. Warum sonst lassen sie uns so lange hier sitzen? Per Telefon geben wir Radiointerviews und erfahren, daß in den anderen Dörfern Tausende von Menschen sind. Man redet von volksfestartiger Stimmung. Außerhalb unseres Kessels bewegen sich die Truppen. Ich kann sie nicht zählen, denn sie bewegen sich im Dunkeln. Sie drängen aufs Kirchengelände, obwohl dort überall Schilder aufgestellt sind, daß für Bewaffnete der Zutritt nicht erlaubt ist. Unter der Fahne der Gefahrenabwehr wird auch der Schutzraum der Kirche nicht mehr respektiert. Unsere Leute außerhalb des Kessels fliehen in die Kirche hinein.
Die Kirche wird von Polizei umstellt. Ein Pastor, der uns einen seelsorgerlichen Besuch im Kessel abgestattet hat, wird am Gehen gehindert, obwohl er sich als offizieller Vermittler ausweisen kann. Ich informiere sofort das Pressebüro. Eine Viertelstunde später, als der Pastor schon wieder auf freiem Fuß ist, läuft mein Telefon heiß, weil verschiedene Fernsehsender und Sensationsblätter Genaueres wissen wollen über "jenen Pastor, der in der eigenen Kirche brutal überwältigt und gefangengehalten wurde".


Gegen 23.11 Uhr
Vor 12 Stunden hat unser Karneval begonnen. Jetzt beginnt die Räumung. Zum
Glück sind noch rechtzeitig Leute vom Fernsehen und von der Presse eingetroffen. Öffentliche Augen sind ein wirksamerer Schutz für uns als das Grundgesetz. Manche von uns erinnern sich lebhaft an blutige Szenen aus Vorjahren, als wir ohne Anwesenheit von Kameras geräumt wurden. Für dieses Mal können wir uns entspannt zurücklehnen. Der erste wird aus dem Kessel getragen. Dann passiert für eine Viertelstunde gar nichts. Eine Viertelstunde pro Person? Wir beginnen abermals zu rechnen.


Mittwoch, 12. November 03

Gegen 1.00 Uhr sind wir nur noch zu dritt im Kessel. Vor einer Stunde ist die Straßenlaterne, unter der wir saßen ausgegangen. Jetzt gibt es nur noch das Scheinwerferlicht, das uns blendet. Rasselnden Schritts kommen die Polizisten, um uns fortzutragen. Sie kommen ohne Helme und offensichtlich mit dem Befehl, freundlich zu sein. Meine Träger tragen mich und die ganze Situation mit Humor. Es beginnt eine lange bürokratische Prozedur. Wir müssen den Weg durch sechs provisorische Büro-Bullis nehmen. Der Inhalt von Hosentaschen wird in durchsichtige Tüten umgefüllt. Inhaltsangaben von Tüten sprengen Formulare. Keiner weiß zu sagen, ob das gelbe Blatt an das rosafarbene geheftet werden muß oder gar an das hellblaue. Nein, alles falsch! Der Personalausweis steckt in der falschen Tüte.
Folglich muß ich noch mal zurück in Bulli Nummero 2. Natürlich ist auch das Protokoll falsch. Weißes Papier wäre richtig gewesen. Ich beginne zu ahnen, warum unsere Räumung so schleppend vorwärts ging. Alles noch mal von vorn! Ich schlage vor, daß wir -der Ordnung halber- die ganze Räumung noch einmal wiederholen. Mein Begleiter verdreht die Augen.


Wir stellen fest, daß wir Söhne im gleichen Alter haben. Der Unterschied ist, daß meine Söhne wissen, was ihr Vater gerade macht. Seine wissen das nicht.


Wir arbeiten uns von Amtskarosse zu Amtskarosse voran. Nervös mit bunten Zetteln fuchtelnde Polizisten, die sich gegenseitig verwirren. Wir wissen immer noch nicht, ob zuerst gelb oder rosa kommt. Ich darf einen Apfel aus meinem Rucksack essen, obwohl selbiger schon auf einem mintgrünen Papier registriert ist. Aus Dankbarkeit biete ich meinem Begleiter auch einen an. Der winkt entkräftet ab.


Gegen 2.00 Uhr sind wir im Herzen des Heereslagers angekommen. Langendorf ist nicht mehr wiederzuerkennen. Ich fühle mich wie von Außerirdischen entführt. Die Straßen sind voll von militärischem Blech. Seite an Seite stehen die Einsatzfahrzeuge, soweit das Auge reicht. Alles ist voller Uniformen. Männer in Rüstungen wimmeln durch das Lager und lassen mich, ich kann nicht anders, an riesenhafte Insekten denken. Man steckt uns in einen grünen Reisebus, der statt der Fenster schmale schlitzäugige Schießscharten hat. Jeder hat ein eigenes Abteil: 60cm breit, 90cm lang, 170cm hoch, abzüglich die Dachschräge, die ein aufrechtes Stehen fast unmöglich macht. Zu meiner eigenen Sicherheit wird die klinkenlose Tür hinter mir verschlossen. Vor wem will mich mein Schutzmann schützen? Jetzt ist auch der Letzte von uns eingesperrt. Durch die Guckschlitze sehe ich eine nicht enden wollende Blaulichtkolonne in Richtung Grippel fahren. Voller Mitgefühl denke ich an die vielen Menschen, die dort auf der Straße sitzen. Ich ahne nichts Gutes.


Gegen 2.30 Uhr setzt sich unser Reisebus in Richtung Neu Tramm in Bewegung. Ich kenne das Hotel schon aus den letzten beiden Jahren. Die Hotelleitung dort hat ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis. Dafür läßt der Service sehr zu wünschen übrig. Wir fahren auf verschlungenen Wegen. Ich bin müde und verliere jedes Gefühl für Zeit.


GeSa - so heißt in Amtsdeutsch die "Gefangenensammelstelle". Vielleicht sollten die Gefangenen mal sammeln, Geld sammeln, damit die Hotelleitung ihre Logistik verbessern kann. Die Rezeption ist hoffnungsvoll überlastet. Eine Schlange schlängelt sich wie eine Schnecke aus dem Flutlicht des Hofes in den Empfangsflur hinein.


Wir werden in Quadrate gestellt und gefilmt. Unsere Daten und amtlichen Nummern werden an Computer verfüttert. Wir müssen uns ausziehen und werden von zivilen Männern in Gummihandschuhen betastet. Selbst das Wenige, das mir bei der Langendorfer Taschenkontrolle noch geblieben war, wird jetzt weggenommen. Mir bleiben nur noch die Kleider, die ich auf dem Leib trage. Dabei habe ich noch Glück. Dieses Mal darf ich Schnürsenkel und Gürtel behalten. Anderen geht es anders. Hatte ich Glück, oder hatte mein Beamter keine Lust mehr?


Plötzlich entsteht ein kleiner Tumult. Eine Demonstrantin aus Langendorf ist von aufgeregt mit Mäppchen fächelnden Herren umringt. Sie war während der letzten Tage verantwortlich für den "Polizeikontakt" und hatte auch einen amtlichen Ausweis an der Jacke. Dieser Ausweis war im Kessel von übereifrigen Einsatzkräften für ungültig erklärt worden. Jetzt aber sprang das mit einem Stempel der Bezirksregierung geadelte Papier einem der Kriminalbeamten in die Augen. Helle Aufregung breitet sich aus. Der Mißgriff ist den Herren offensichtlich peinlich. "Wie konnte das passieren?" jammern sie. "Und wie kriegen wir Sie wieder aus unseren Computern raus?"


Die letzte Frage hat einen ernsten Hintergrund. An Polizeicomputern gibt es keine Löschtaste. Behaupten Kritiker. Daten, die im Zusammenhang mit Castortransporten erhoben werden, landen auf heimlichen-unheimlichen Wegen in einer Datei "Straftäter links". So behaupten manche Rechtsanwälte, die damit zu tun haben. Ich selbst kümmere mich nicht um solche Dateien, habe das auch in der DDR nie getan. Ein Trost ist mir das Wissen, daß die Stasi eines Tages unter der Last ihrer prallen Aktenordner in die Knie gegangen ist, daß sie sozusagen am eigenen Erbrochenen erstickt ist. Ich wünsche guten Appetit!
Zu Essen gibt es in unserer Großraumzelle nichts. Auch der Tee ist alle. Mir ist der Appetit sowieso vergangen. Die NVA-Decke, die man mir ausgehändigt hatte, riecht noch genauso wie im letzten Jahr. Neu sind die Spanplatten, die man auf dem Betonboden ausgelegt hat. Wenn jetzt noch ein Honecker-Bild die Wand schmücken würde.


Ich mag nicht darüber nachdenken. Ich wickele mich in die kratzige Vergangenheit. Bestimmt ist Grippel schon geräumt. Bestimmt sind die Straßen jetzt militärisch saubergefegt, von Wasserwerfern gesäumt und gesichert. Besser die Augen schließen. Bestimmt rollen die Castoren schon. Das Wort "Gefahrenabwehr" geistert immer wieder durch meinen Kopf. Ich bin müde.
Gute Nacht, Demokratie!


Nachtrag

Als die Castoren die Gorlebener Giftmüllscheune erreicht hatten, warf man uns
wieder in die Kälte hinaus. Der Einsatzleiter hatte die Nordstrecke über Langendorf gewählt. Unser "verlorener Posten", so stellte sich jetzt heraus, war von höchster Wichtigkeit gewesen. Carneval gegen den Castor! Die Mächtigen können das Recht beugen und den Frieden brechen. Unsere Lebensfreude nicht.


Und die Moral von der Geschicht? Du bist wichtiger, als du glaubst! Auch aus der Ferne kannst du Castoren stoppen. Wie? Indem du keinen Atomstrom mehr kaufst. Das kostet nicht viel und rettet vielleicht die Welt. http://www.stromwechsel-jetzt.de/


Vielleicht sitzen wir beim nächten Castor ja nebeneinander auf der Straße. Dann möchte ich, daß du mir eine Geschichte von dir erzählst!

 
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