Start
Auf der Schiene im Norden - Castor 2011, Jens Drucken E-Mail

Auf dem Weg zur SitzblockadeReisen ist bekanntlich etwas, wozu es viele verschiendene Anlässe geben kann. Neben den Standards Urlaub und Besuchen hat auch der Protest-Tourismus doch nennenswerte Ausmaße. Ein solcher Protest-Tourist war ich nun auch wieder mal und kann hier von meiner Reise ins Wendland erzählen.


Eine Reise beginnt bekanntlich mit der Planung derselben. In der Planung berücksichtigte ich, dass es letztes Jahr eine Autofahrt nach fast schlafloser Nacht gab und ich dies nicht wiederholen wollte. Also war es relativ schnell klar, dass das Auto diesmal hier bleiben sollte und der Zug das Reisemittel der Wahl darstellte, um zumindest erstmal nach Salzwedel und zurück zu kommmen. Der Rest sollte per Bus oder Trampen geschehen. Bekannt ist aber auch, dass Pläne dazu da sind, die Abweichungen festzustellen. Und wo gibt es größere Abweichungen als beim Castortransport? Nachdem klar war, dass der Castor einen Tag eher aus Frankreich los rollen würde, war die Unruhe groß und sie wurde noch größer, als er es dann auch tat. Eigentlich war die Schienenblockade von Widersetzen das Ziel und für die könnte es zu spät sein. Dann steht der Zug 24 h in Frankreich herum. Sollte es doch ok sein, erst zur Großdemo am Samstag im Wendland zu sein? Der Zug kam gut voran und so wurde es dann doch das Auto, was den geneignten Protestierenden in den Norden verfrachtete. In Dresden war sowieso nicht mehr auszuhalten, die Zweifel doch zu spät im Wendland sein zu könnnen, waren einfach zu zehrend und groß.


Gegen 22:30 Uhr kamen wir dann an der Johanniskirche im Städtchen Hitzacker an. Jene Kirche öffnet traditionell für friedliche Blockierer "aus christlichen und humanitären Gründen" ihre Türen. Dort ist es wärmer und sauberer als im Campinski (Camp Hitzacker) und man ist nur 5 Minuten Gehzeit von selbigem entfernt. Spannend war dann die Frage, wann aufzustehen sei. Je nach dem, wie gut der Castor durchkommt entweder um 4:30 Uhr oder wann auch immer das gute Stück Hannover erreicht haben würde. Eine Vertreterin von Widersetzen (Schienensitzblockade-Orga) schlief im Gemeindehaus an der Kirche und würde uns - falls nötig - wecken.


Am nächsten morgen war der Castorzug dann noch weit genug entfernt, was einen Besuch beim Bäcker und einem Biobauernstand ermöglichte. Über den Ticker gingen derweil beunruhigende Meldungen. In und um Metzingen griff die Repressionswillkür durch: Weiße Maleranzüge galten als Schutzbewaffnung, Handschuhe würden ausnahmslos konfisziert (bei knapp über 0°C Außentemperatur) und Personenkontrollen an allen möglichen Zugangsorten. Das konnte heiter werden, wenn das Schule machen würde.


Unsere Bezugsgruppe schlenderte dann also irgendwann enspannt in Richtung Campinski, dem Sammelpunkt von Widersetzten. Um 11 Uhr war Camp-Plenum und es gab diverse neue Infos, auch von Widersetzten. Gegen 13 Uhr würde es ein neues das Losgeh-Plenum geben, oder eher, wenn der Castor besser durchkommt. Auf Nachfrage bekamen wir dann heraus, dass die blaue Gruppe die "Wandergruppe" sei - also unsere. Nachdem der Aktionskonsens in der Bezugsgruppe geklärt und die Vokü mittags in Anspruch genommen wurde, war denn entspanntes Warten angesagt. Ticker lesen, Radio Freies Wendland hören, am Internetpunkt vorbei schauen, reden. Allgemeine Ruhe vor dem Sturm eben. Eines war aber vollkommen klar: Zur Auftaktdemo würden wir wohl nicht gehen - die war ab 12:30 Uhr in Dannenberg.


Nach Plenum, Sprecher_innenrat, Bezugsgruppenplenum und Obst packen für den Abmarsch ging es dann auch gegen 14 Uhr los. Keiner wusste wohin - von ca. 5 Leuten vorne mal abgesehen. So langsam bestätigte sich aber die Annahme, dass wir wohl den gleichen Ort aufsuchen würden, wie im letzten Jahr. Harlingen. Dort in der Nähe gehen die Schienen von der Böschung in eine Senke über - ideal um nicht einfach abgedrängt werden zu können. Eines war aber klar: Dort waren schon Schotterer (Leute, die den Schotter aus den Schienen nehmen) unterwegs und die Polizei würde dort wohl etwas stärker kontrollieren. Komischerweise wurden wir auf unserem Weg dahin weder aufgehalten noch begleitet. An der Bahnunterführung standen 8 Polizisten herum, was gegenüber uns ca. 1000 Leuten nicht ganz gereicht hätte. Im letzten Jahr hatten wir deutlich mehr zu tun, um dahin zu kommen.


Am Zielgebiet stand dann so alle 5-10 m ein Polizist auf dem Bahndamm. Nun kam das bekannte Spiel. Erste Leute gehen hoch und werden abgewiesen, ein zweiter Schwall kommt hoch, die Polzei zieht sich zusammen, die daraus entstehenden Lücken nutzt der 3. oder 4. Schwall und dann sitzt man auf den Gleisen. Schnell sind ca. 200 m besetzt und die Situation entspannt sich wieder. Eine Meinung geht herum: Das war ja einfach. Kurz nach der Gleisbesetzung musste übrigens der Unterschied zwischen Primär- und Sekundärelementen geklärt und Brennstoffzelle sowie Bleiakkumulator erklärt werden. Wir tun, was wir können.


Leider waren eben auf dem Bahndamm und noch nicht ganz in der Böschung - dort hatte die Polizei dicht gemacht. So nach und nach umgingen diverse Gruppen (auch wir) diese Sperre nicht mal großräumig und so bevölkerte sich auch die Schiene in der Senke. Von der Gegenseite kam ein weiterer "Finger" von Widersetzen in die Böschung hinein, doch als wir noch ca. 200 m zwischen uns hatten, errichtete die Polizei sehr schnell einen Hohlkessel - sprich sie sperrte diese 200 m von allen Seiten ab.


Auf dem Weg zur Sitzblockade 26.11.11Gegen aufkommende Dunkelheit, Ruhe, Kälte und Hunger halfen mehrere Dinge: Der Lautsprecherwagen der JG Jena, die Vokü und Feuerchen an der Strecke. Letztere entstanden alle 10-20 m und errichteten so recht dicke Rauchschwaden über der Strecke und machten die frische Luft zum Teil recht stickig. Da war es ganz gut, dass die Wachablösung der Ordnungsmacht zur Auflösung des Hohlkessels führte (in Metzingen wurden sie für einen Kessel benötigt - des einen Freud', des anderen Leid). In Windeseile wurde nun die Lücke geschlossen und die Vokü am anderen Ende ausprobiert. Im Großen und Ganzen also eine an Friedlichkeit und Entspanntheit kaum zu überbietende Veranstaltung. Inzwischen war am Hang von Polizei weit und breit keine Spur, nur an den Enden standen sie noch und inzwischen waren auch viele von der Demo nachgekommen. Die vormals 1500 Menschen waren auf ca. 3500 angewachsen und der Castor stand im Güterbahnhof Maschen (vor Lüneburg) herum.


So langsam wurde es nicht nur spät, sondern auch noch später und Müdigkeit gesellte sich zur Allgemeinheit. Hier und da schliefen schon einige in Schlafsäcken oder Rettungsdecken eingehüllt. Ich selbst baute eine Kombi aus leichtem Rucksack, Strohsack (hat jeder aus dem Campinski dabei) und mitgebrachtem Biwaksack zu einem schönen Bett zusammen und schlief auch ganz gut - Etappenweise versteht sich. Gegen 2:30 Uhr kam merkwürdigerweise die Munterkeit zurück. Das war aber ganz praktisch, da kurz vor 3 Uhr die lang erwartete Durchsage der Polizei kam, nun zu Räumen, wenn man nich freiwillig gehe. Seit 0:00 Uhr gelte ein Versammlungsverbot auf den Gleisen sowie 50 m links und rechts davon - noch bis 7.12. wohlgemerkt. Da rechnet aber jemand mit einem seeeeeehr langen Transport.


Die Räumung zog sich. So konnte ich nochmal schlafen und gegen 7 Uhr war die Polizei dann bei uns und eskortierte uns in den bereitgestellten Kessel aus Polizeifahrzeugen, aka "Freiluftgewahrsam". Dieser ist rechtlich für maximal 6 Stunden zulässig. Beginn 3 Uhr, also bis maximal 9 Uhr. Dann muss man eigentlich einem Richter vorgeführt werden. Selbiger hatte aber ein anderes Rechtsverständnis und erklärte den Kessel bis 12 Uhr für zulässig. Zwischendurch gab halt nix zu tun. Karten spielen, herumliegen, herum sitzen, Dixiklo besuchen, Essen und Trinken (von Vokü oder Polizei), aufpassen nicht zu frieren. So bildete sich eine Menschenkette im Inneren der Polizeikette ("Unser Kessel ist viel schöner!"), Menschen rannten in Pappkisten zu gespielter Sirene herum, und diverse Sprüche flogen gen Polizei ("Die Mauer muss weg!", "Wir ham Urlaub, was habt ihr?!", "Eure Kinder werd'n wir wir!". Doch irgendwann wird das manchen zu blöd und sie wollen ins Freie. So bildete sich ein Mob im Kessel, der die Polizeisperre (Transporter, die Stoßstange an Stoßstange stehen) überwinden wollte (vergeblich) und damit für Unruhe sorge. Andere wiederum hatten die wahnsinnig blöde Idee in einem Dixiklo einen Strohballen anzuzünden. Dieses erwies sich aber als erstaunlich feuerfest.


Doch dann kam Bewegung ins Spiel. Als es um 12 war wollte uns der lokale Einsatzleiter gehen lassen und dies "nur noch" mit der Hauptleitung absprechen. Diese war auch dafür - allerdings nur gegen Feststellung der Personalien + Platzverweis für das Schienengelände. Da solche Platzverweise teilweise sehr dehnbar sind und wir außerdem unter den Schienen durch mussten, um nach Hitzacker zu kommen, war das keine Option. Anwälte verhandeln, Plena werden abgehalten, Hunger kommt und geht (durch Essen), es zieht sich. Immer wieder zieht man sich unter decken zurück, spielt auch mal Karten und versucht sich gegen Erschöpfung, Kälte und Wind zu erwehren. Die Mischung aus Langeweile und Ungewissheit ist für manche unerträglich und sie ergeben sich dem inneren Druck indem der Platzverweis kassiert wird. Nochmal irgendwo in eine Polizeikontrolle kommen und der Gewahrsam in Lüchow ist so gut wie sicher. Wir bleiben noch drin. Es beginnt zu regnen. Stärkerer Wind kommt auf. Eine Plane schützte unsere eng zusammen sitzende Gruppe notdürftig. Doch genau dieser Regen bringt uns die Freiheit wieder. Der Kessel wird wegen widriger und gesundheitsgefährdender Lage geöffnet. Endlich. Reichlich 24 Stunden nach erreichen der Schiene dürfen wir wieder zurück nach Hitzacker.


Auf den Gleisen Harlingen 26.11.11Dorthin bringt uns ein netter Anwohner mit seinem Auto. Doch wohin? Zum Camp? Zur Kirche? Keins von beidem. In der Nähe vom Bahnhof Hitzacker hatten sich 4 Bauern mit einer Betonpyramide am Gleis befestigt. Schaulustige kamen irgendwann und ein Teil davon setzte sich auch "zum ausruhen" auf die Schiene. Wir ruhten uns vom Kessel aus. Es wurde schon wieder Dunkel. Hier war die Nachbarschaft aber deutlich besser als bei Harlingen. Lieder wurden gesungen und sich über diverse Themen ausgetauscht. Geschlafen wurde auch, aber nicht so viel, schließlich war die Polizei stets präsent und es gab eine große Ungewsissheit über den Räumungszeitpunkt. Die Bauern befreiten sich schließlich selbst, nachdem die Polizeitechniker unfähig waren das Werk (aus Bauernschläue erdacht) zu entfernen. 15 Stunden lagen sie da. Respekt. Das war gegen 22 Uhr. Danach wurden Polizeieinheiten hin- und her beordert. Sie zogen Linien, gaben diese wieder auf, zogen neue Linien und so weiter. Anscheinend gab es noch das Kilometersoll abzuabeiten. Einen Sinn schien es dahinter nicht zu geben. 23:30 kam dann das Signal zur Räumung der ca. 500 Personen auf den Schienen. Also die 1. Ankündigung, die Versammlung sei beendet. Das kam dann noch ein 2. und 3. Mal und dann noch 3 Ankündigungen der Räumung. Gegen 0:30 Uhr waren die Formalien dann abgehandelt. Da hat sich jemand genau an die Regeln gehalten und uns vorher noch gratuliert, den Castor so lange aufgehalten zu haben, wie sonst noch nie zuvor. Der muss ein Atomkraftgegner gewesen sein. Zusätzliche deeskalierende Maßnahmen waren, dass die Räumeinheiten ohne Helm räumten und die freundlche Durchsage kam, doch bitte keine persönlichen Wertgegenstände auf den Schienen liegen zu lassen. Gegen 2 Uhr kam dann die Räumung bei uns an und wir wurden durch einen ca. 3 m breiten Gang geschickt. Eine selten blöde Aktion, da es dort natürlich zu Engpässen und total unnötigen Rangeleien kam. Dabei hatten sie so gut angefangen.


Geräumt wurde nach Süden. Camp+Kirche lagen im Norden. Der 2. Fehler der Polizei. Denn natürlich wollen nun alle wieder zu den Gleisen. Nicht zur Besetzung, sondern tageszeitlich und entkräftungsbedingt zu Schlafgelegenheiten. Glücklicherweise war ein unbewachter (?) Bahnübergang in der Nähe. Ein paar wenige versuchten noch eine neue Blockade aufzubauen, aber gaben dieses Unterfangen aufgrund der gerigen Zahl dann wieder auf.


So kam es, dass wir gegen 3 Uhr in der Johanniskirche waren und dort nach kurzem Waschen und Zähne putzen friedlich in Schlafsäcken und unglaublich komfortabel wirkenden Isomatten einschliefen. Am nächsten morgen blieb ein Teil noch für die Straßenblockade, doch ich musste zurück nach Dresden. Zwei Leute konnte ich noch mitnehmen. Einmal bin ich sogar 5 Minuten nach Abfahrt nochmal extra umgekehrt, um noch jemanden mitzunehmen. So war nach Zwischenstopps in Bernburg (einem Dorf mit FH für Naturschutz in Sachsen-Anhalt) und Leipzig-Flughfafen (wegen des Bahnhofes) kurz nach 17 Uhr wieder da. Kurz ins IPF, einkaufen, Skype Konferenz für ein Treffen am Mittwoch und schließlich noch das Auto zu meinen Eltern bringen. Und da dankenswerterweise übernachten können.


Doch merklich entkräftet ging der Castorprotest zu Ende. 3 Nächte, 2 Blockaden, 1 Kessel und 0 Personalien. 126 Stunden Fahrzeit für den Castor. Länger als jeder zuvor. Die Anti-AKW und Gorleben kritische Bewegung ist stärker als jemals zuvor. Trotz der verkürzten Laufzeitverlängerung. Haushalt 2012: 3 Mio. Euro zur Erkundung neuer Endlagerstätten. 73 Mio. Euro für die Erkundung von Gorleben. "Ergebnisoffene" Suche geht anders.


Jens,

http://jensblogger.blog.de/2011/11/28/schiene-norden-castor-12231096/

 
Banner
Copyright © 2017 WiderSetzen. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.