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Gedächtnisprotokoll über die Schienenblockade in Harlingen am 26./27.11.2011. Helga E. Drucken E-Mail


Am 26.11. 2011 kamen mein Mann (63), unser Sohn (32) und ich (64) nach Hitzacker ins Camp, um zu erfahren, welche Blockade geplant ist und an welcher wir teilnehmen könnten.


Gegen 14.00 Uhr fuhren mehrere Autos in verschiedenen Konvois nach Harlingen. Einer solchen Gruppe schlossen wir uns an, parkten die Autos in Harlingen und gingen zu Fuß (gegen 14.30 Uhr) in einer großen Gruppe Richtung Schienen.


Foto: Hega E. 26.11.11 SitzblockadeDie wenigen Polizisten waren angesichts der Überzahl der Demonstranten machtlos und verhielten sich ruhig, bis auf ein paar kleine Ausnahmen, bei denen einige stehende Personen sehr harsch von der Polizei aufgefordert wurden, sich zu setzen. Ansonsten tat sich nichts. Wir versuchten, uns so bequem und so warm wie möglich auf einen langen Zeitraum dort einzurichten. Da inzwischen sehr viele Demonstranten anwesend waren, war es nicht nur hart und kalt, sondern auch sehr eng auf dem Gleis"bett". So harrten wir viele Stunden aus, zum Glück haben uns die Volxküche und andere Personen gut versorgt mit heißem Tee, Suppe und anderen Lebensmitteln. Vielen Dank allen Spendern und Helfern, es war wirklich sehr hilfreich.


Zwei Aufforderungen, die Schienen zu verlassen, hörten wir, eine dritte - wenn es sie gab - war nicht bis zu uns durchgedrungen. Das wird so ca. 3.30 oder 4.00 Uhr morgens gewesen sein. Gegen 4.30 Uhr (nach rd. 14 Stunden auf der Schiene) wurden wir geräumt.


Foto: Helga E. Freiluftkessel 27.11.11Als erstes kam ein Polizist, der uns aufforderte, selbst zu gehen, wenn wir das nicht täten, sondern uns wegtragen ließen, würden sie unser Gepäck aber nicht mitnehmen, denn, wie er sagte: "wir sind schließlich nicht eure Packesel". Mein Mann und mein Sohn gingen dann "freiwillig" mit den Polizisten den Hang herunter. Mein Sohn hatte gerade einen Bandscheibenvorfall und wollte kein Risiko eingehen. Auch ich hatte große Bedenken, von den Polizisten den steilen Abhang heruntergetragen zu werden, denn auch die Polizei hatte auf dem wirklich steilen Abhang keinen festen Stand, sondern rutschte mehr als dass sie ging.


Dann wurde also ich gefragt, ob ich freiwillig gehen wolle. Ich entgegnete, was denn die Alternative sei. Ich bekam zur Antwort: "Dann müssen wir Sie tragen, aber ohne Gewähr". Darauf lachte ich und antwortete, dass ich doch schwer hoffe, dass sie keine Gewehre dabei hätten. Einen kurzen Moment Pause, dann Gelächter auf allen Seiten. Die Spannung war raus und ein anderer Polizist sagt: "Im übrigen geht es schneller, wenn Sie selbst gehen". Ich entgegnete, dass das für mich kein Argument sei, denn ich hätte ja viel Zeit. Daraufhin sagte eine junge Polizistin bittend zu mir: "Außerdem würden Sie es uns sehr erleichtern". Da ich ohnehin nicht vor hatte, mich den Hang heruntertragen oder -schleifen zu lassen, stand ich dann auf und ließ mich von zwei Polizisten bis zum Kessel begleiten.


Im Kessel bekamen wir eine Rettungsdecke zum Schutz gegen die Kälte und wir versuchten, uns auf der kalten Erde schlafen zu legen - zum Glück hatten wir Schlafsäcke und teilweise Iso-Matten dabei.


Foto: Helga E. Freiluftkessel 27.11.11Nach ca. einer Stunde bemerkte ich, dass andere Personen eine dickere Decke von der Polizei erhielten. Ich machte mich auf den Weg zur Stelle der Deckenausgabe. Dort standen bereits andere Personen und warteten auf neue Decken, da es im Moment keine gab, neue Decken aber angeblich sofort kommen sollten. Wir warteten ca. 15 Minuten in der Kälte. Hinter der Polizeiabsperrung sah ich einen offenen Lastwagen stehen, der viele Kartons mit Decken geladen hatte. Ich ging daraufhin zur Einsatzzentrale und bat darum, uns Decken auszuteilen, da ich furchtbar frieren würde. Ein Polizist griff sofort zu einer weiteren Rettungsdecke, die ich aber dankend ablehnte, weil ich eine wärmere Decke brauchte und bat erneut, die Kartons mit Decken doch vom Lastwaren herunter und in den Kessel zu bringen. Ein anderer Polizist sagte, dass er sich sofort darum kümmern würde und tatsächlich stand kurz darauf ein großer Karton mit warmen Decken da.


So hatten wir es bei den kalten Temperaturen unter freiem Himmel und auf der kalten Erde dann doch ein klein wenig wärmer.Foto: Helga E. Freiluftkessel 27.11.11


Nach Sonnenaufgang hätten wir alle gern einen warmen Kaffee getrunken, doch leider gab es nirgends welchen. Die Polizei bot nur kaltes Wasser und kalte Würstchen an. Die Begründung war, dass der Nachschub nicht durchkäme und sie selber auch keinen Kaffee oder Tee hätten.


Irgendwann lange Zeit später gab es dann Kaffee.


Der Castor stand immer noch in Maschen, aber gegen 12.30 Uhr - nach mehr als 7 Stunden im Kessel - konnten wir aufgrund der richterlichen Verfügung den Kessel verlassen. Es wurde uns ein Platzverweis ausgesprochen und wir mussten unsere Personalien angeben.

Helga E.

 
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