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Meine Erlebnisse im Freiluftkäfig in der Nacht vom 7./ 8. Nov 2010, Birgit Drucken E-Mail

Meine Erlebnisse im Freiluftkäfig in der Nacht vom 7./ 8. Nov  2010

Bericht über den Aufenthalt in der Gefangenensammelstelle (Freilufthaltung) in Harlingen.
Ich hatte mich an den Anfang der beginnenden Räumung begeben und setzte mich zu den anderen auf die Schiene.


Kurz darauf wurde ich von Polizeibeamten angesprochen, ob ich freiwillig von der Schiene gehen wollte oder nicht. Ich verneinte und wurde dann kurz darauf von zwei Beamten nochmals angesprochen, die mir sagten, dass sie mich jetzt in die „Gesa“ bringen werden. Wie sie mir sagten, wollten sie mich für die Bilder für die Presse ein Stück tragen und danach musste ich allein laufen. Ich hatte vorsorglich von meinen Kindern noch einen Schlafsack bekommen, den ich in die Gesa mitnahm.


Als ich gegen 2.00 Uhr morgens zum Eingang der Gesa kam, wurde für mich ein Strich in eine Liste gemacht und die Trägerbeamten entließen mich in den Käfig.
Gleich am Anfang des Käfigs stand ein LKW , von dem herunter Decken an die Gefangenen verteilt wurden. Von wem die Decken waren, konnte ich nicht erkennen.


Ich nahm eine Decke und ging in die Mitte des Käfigs, wo sich schon einige Gefangene hingelegt hatten. Einige hatten Glück und konnten eine Pappe von den Decken ergattern. Diese legten sie auf die Erde und sich darauf, eingehüllt von einer recht dünnen Decke. Ich legte mich auch hin, hatte aber keine Unterlage. So lag ich auf dem gefrorenen Boden und versuchte, ein wenig auszuruhen.


Das gelang mir eine kurze Zeit, bis es vor Kälte nicht mehr ging.
Ich stand auf und lief etliche Male im Kreis in dem Käfig herum. Das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch, weil noch nicht sehr viele Leute dort waren.


Klohäuschen standen in der Mitte des Käfigs, später wurden noch weitere dazugebracht.Nachdem ich mich etwas erholt hatte und vom vielen Laufen etwas wärmer war, ging ich im Käfig herum um mir einen Überblick zu verschaffen über die Gesamtsituation.


Gegen  4.00 Uhr waren die Decken alle. All die, die schon stundenlang auf der Schiene gesessen hatten, bekamen nun hier keine Möglichkeit sich aufzuwärmen. Und hier war s deutlich kälter wegen der Lage des Käfigs.


Ich erinnere mich, dass dann irgendwann Tee und Suppe von unseren Leuten verteilt wurden. Das war toll, denn es gab keinerlei Aufwärmmöglichkeiten.


Eine Episode, die mich erschütterte, möchte ich gern schildern.
Die Leute, die die Suppe austeilten, sollten von anderen abgelöst werden, bzw. wollten aus dem Käfig heraus, weil sie nicht Gefangene waren sonder Leute, die uns mit warmem Essen versorgten. Ich stand nach meiner Erholungsszeit fast immer am Eingang, wo immer mehr Gefangene gebracht wurden. Ich konnte dort den Wortwechsel eines jungen Mannes aus der Versorgungsgruppe mitverfolgen. Der junge Mann fragte sehr freundlich bei einer Beamtin nach, ob er den Käfig verlassen könnte, weil er die Gefangenen versorgt hatte. Erst fühlte sich die junge Beamtin gar nicht angesprochen. Nachdem er wieder und wieder äußerst freundlich fragte, ob er gehen könne, wurde er darauf verwiesen, dass er seinen Verantwortlichen (von der Polizei) fragen sollte, Der junge Man verstand nicht ganz. Er fragte wieder nach, was dass heisst und es dauerte lange, bis die junge Beamtin endlich einen ihrer Vorgesetzten aufsuchte.


Ich habe den junge Mann sehr bewundert, weil er sich gar nicht provozieren ließ. Ich wäre bei dieser Ignoranz des Beamtin schon sehr wütend gewesen. Er ist nicht einmal laut geworden, obwohl das in meinen Augen reine Schikane war.
Ich habe dann nicht mehr mitbekommen, ob der Mann das Gelände verlassen durfte.


Mit der Zeit kamen immer mehr Leute in den Käfig und er füllte sich. Leider wurde es auch immer kälter. Die Leute, die kamen, waren zum Teil völlig durchgefroren. Decken gab es schon lange nicht mehr. Wir baten die, die sich mit Suppe schon etwas aufgewärmt hatten, den Neuankömmlingen ihre Decken zu geben. Das konnten nicht alle wegen der Kälte.
Auf der Schiene hatten wir die Möglichkeit, kleine Lagerfeuer zu entzünden um uns aufzuwärmen. Das durften wir hier nicht.


Ich habe ab  4.00 Uhr versucht über den EA an Rechtsanwälte zu kommen. Sie bemühten sich, aber ich habe während meines gesamten Aufenthaltes dort nicht einen Rechtsanwalt zu Gesicht bekommen. Das habe ich auch über die Konfliktmanager der Polizei versucht. Die waren völlig überfordert. Man hatte den Eindruck, dass die gern irgend etwas für uns getan hätten, aber auch sie gar nicht an irgend einen Beamten herankamen, der was zu sagen hatte.(jedenfalls der, mit den ich später zu tun hatte)


Von seiten der Polizei wurde ich also zu keiner Zeit über meine Rechte aufgeklärt oder einem Anwalt vorgeführt oder angesprochen, ob ich das wollte..


Nochmal:
Besonders erschreckt haben mich die Beamten, die den „Eingang“ absperrten.
Nachdem wir schon viele Stunden im Käfig waren, und es nach wie vor extrem kalt war, hatte ich die Idee, Heizstrahler aufzustellen. Die sind wirkungsvoll und transportabel. Ich hoffte, das würde eine einfache und gute Lösung sein, weil die vielen jungen Leute, die kamen, stark durchgefroren waren.


Ich wandte mich an einen Beamten der Eingangskette und fragte ihn, wen ich fragen müsste. Er sage mir, seinen Vorgesetzen, den Einsatzleiter. Ich fragte, wo der wäre. Er sagte dort und zeigte mit der Hand nach hinten. Ich wollte nun dorthin gehen. Da stellte der Beamte sich mir in den Weg und sagte, dorthin dürfe ich nicht. Ich fragte ihn, wie ich mit ihm reden sollte. Er sagte, ich müssen meinen Verantwortlichen suchen und dem Bescheid geben. Ich fragte, woher ich wüsste, wer mein Verantwortlicher sei. Darauf sagte er, dass wüsste er auch nicht und ich hätte dann Pech gehabt.


Ich versuchte es bei einem anderen. Der verwies mich an einen Konfliktmanager. Der war im Käfig und hörte sich mein Anliegen an. Er sagte, er könne versuchen, etwas zu tun. Dann vergingen Stunden. Ich suchte den Beamten, weil nach wie vor nicht abzusehen war, wann wir herauskommen würden und die Kälte nicht nachgelassen hatte.


Ich fand ihn und fragte ihn. Er meinte, er hätte dem Einsatzleiter Bescheid gegeben, aber  letztlich würde der auch ihn nicht wirklich ernst nehmen. Das bestärkte mich deutlich in meiner Annnahme, dass die Konfliktmanager nur als Puffer uns gegenüber eingesetzt werden und in keiner Weise einen Konflikt beheben können. Sie haben keinerlei Entscheidungsbefugnis und dienen nur der Zeitverzögerung. (Haltet die mal hin)


Irgendwann wurde mir mitgeteilt, dass kein Polizeiauto mehr zu uns durchkam und so nichts für uns gemacht werden könnte. Das hieß für mich, dass die Polizei nicht in der Lage war, menschenwürdige Bedingungen für uns einzurichten. Hätte es Zwischenfälle gegeben, wäre die Polizei nicht in der Lage gewesen zu handeln. Ich halte das in Bezug auf die riesige Gefangenensammelstelle (wir waren am Ende rund 1500 Leute dort) für extrem gefährlich und unverantwortlich.


Ich habe mehrere dieser entwürdigenden Gespräche mit den Beamten am Eingang miterlebt, wie sie mir widerfahren waren und hatte deutlich das Gefühl, dass diese Leute dort weder geschult waren im Umgang mit Demonstranten und keinen Unterschied sehen zwischen uns Menschen, die sich dem Castor in den Weg stellen und Schwerverbrechern.


Hinsichtlich irgend einer Möglichkeit sich zu wärmen gab es bis zum Ende der Käfighaltung keine Verbesserung.
Hätten unsere eigenen Leute uns nicht mit Essen versorgt, glaube ich, hätte es mehrer Leute gegeben, die an Unterkühlung und Entkräftung den Saniwagen hätten aufsuchen müssen.
Von seiten der Polizei habe ich keinen Teeausschank oder Essensausgabe gesehen.


Was mich am meisten erschütterte, zum dritten mal, war die Ignoranz der Beamten, sich um uns zu kümmern. Man kam nicht an die Verantwortlichen heran und wenn, dann geschah letztlich doch nichts. Ich hatte das Gefühl, ich hätte dort keinerlei Rechte mehr, weil ich einfach nicht wahrgenommen wurde. Und ohne gewalttätig oder aggressiv zu werden, konnte man sich keine Aufmerksamkeit verschaffen.
Gegen 9.00 Uhr wurden wir dann aus dem Käfig entlassen.


Birgit

 
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