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Schienenblockade des Castortransportes 2010 bei Harlingen – ein persönlicher Bericht, Michael W. Drucken E-Mail

Unsere Bezugsgruppe vereinigt sich im Camp Hitzacker mit anderen zu einem Konvoi und macht sich auf nach Harlingen. Dort nehmen wir unsere Strohsäcke, schnallen die Rucksäcke um und auf geht’s im kleinen Treck entlang der Felder und auf den Waldwegen.
Der bewachte Schienenstrang kommt in Sicht, er liegt in einem Durchschnitt durch einen bewaldeten Hügel. Noch sind dort zu viele unter anderem auch berittene PolizistInnen ...






Michael W..
12.11.10

Bericht
Schienenblockade des Castortransportes 2010 bei Harlingen – ein persönlicher Bericht

 


Unsere Bezugsgruppe vereinigt sich im Camp Hitzacker mit anderen zu einem Konvoi und macht sich auf nach Harlingen. Dort nehmen wir unsere Strohsäcke, schnallen die Rucksäcke um und auf geht’s im kleinen Treck entlang der Felder und auf den Waldwegen.

Der bewachte Schienenstrang kommt in Sicht, er liegt in einem Durchschnitt durch einen bewaldeten Hügel. Noch sind dort zu viele unter anderem auch berittene PolizistInnen zu sehen und wir gehen weiter Richtung Göhrde. Einige versuchen, aufs Gleis zu gelangen, werden aber unter Einsatz von Pfefferspray abgedrängt. Also weiter. Dann geht es ganz schnell: Wieder gibt es bei dem Versuch, auf die Schienen zu kommen, Gerangel und Pfeffersprayattacke und dann ist die Lücke da, ein weiteres Mitglied meiner Bezugsgruppe und ich stürmen auf das Gleisbett, auf dem sich schon ein paar BlockiererInnen befinden. Hier scheint man sich recht unbehelligt aufhalten zu können, die Polizei versucht lediglich, neuerliche BlockiererInnen vom Gleis abzuhalten, und wir (wider-)setzen uns – wir bleiben!


Wir sehen von der Strecke aus, dass unser recht steiler Abschnitt des Abhangs zu den Schienen kaum noch bewacht wird und rufen laut den Gruppennamen, um die anderen Mitglieder darauf aufmerksam zu machen und nach kurzer Zeit sitzen wir alle zusammen auf den Schienen – wir haben es geschafft, ohne Verluste auf die Strecke zu kommen! Und wir werden immer mehr, nach einiger Zeit wird die Zahl der BlockiererInnen mit 1800 angegeben, der Zustrom lässt nicht nach, bis wir schließlich auf 5000 geschätzt werden. Riesiger Jubel, wie auch überhaupt die Stimmung gut ist: „Abschalten, abschalten!“, „Wehrt Euch, leistet Widerstand / gegen den Atomtransport im Land / schließt Euch fest zusammen / schließt Euch fest zusammen/ wehrt Euch, leistet Widerstand…“ schallt es durch den Wald.


Wir werden von einem Polizeikordon umgeben und auf den Schienen sammeln sich in beiden Richtungen berittene und andere Polizistinnen, aber es gibt nach kurzer Zeit entspannte Gesichter,  die Helme werden abgenommen und an das Koppel gehängt, wir sind gewaltfrei - aber doch quasi eingekesselt, so gibt es viele Gespräche mit den polizeilichen BewacherInnen. Auf einer Seite der Trasse werden auf einem parallelen Waldweg viele Mannschaftswagen aufgereiht, und auch als die hässlichen schwarzen Hubschrauber der Bundespolizei im Formationsflug über uns kreisen – ein Déjà-vu, ähnliches habe ich bei der Räumung unseres Hüttendorfes der Freien Republik Wendland am Bohrloch 1004 in Gorleben im Jahr 1980 durch die GSG 9 gesehen - bleiben wir ruhig und sehen nach einiger Zeit, wie die im Laufschritt herbeigeeilten BundespolizistInnen wieder abgezogen werden – wir sind augenscheinlich zu viele, um uns kurzerhand zu räumen!


Die Stimmung bleibt gut, eine mobile Disko bringt uns mit ihren Techno-Rhythmen den Rave, wir bewegen uns dankbar warm. Und als dann die Samba-Trommler am Rand der Gleisschlucht auftauchen und ein Gratiskonzert geben – großen Dank hierfür! – kennt die Begeisterung keine Grenzen und wir tanzen den Samba Chulipa.


Es wird dunkel und kälter, über das Radio Freies Wendland – es gibt gar nicht so teure, kleine Radios mit Knopf im Ohr, die eine große Hilfe in solchen Lagen sein können, eine ganz wichtige Verbindung zur Außenwelt, großen Dank für Eure Arbeit, RFW! – hören wir über die weitere Entwicklung im Wendland und dass Lebensmittel und Decken für uns gesammelt werden, die auch bald ankommen: Warme Suppe, Brote, Käse, Bananen und Weintrauben werden durchgereicht und dankbar gegessen, auch Euch großen Dank, VolxköchInnen!

Klicken Sie auf das Foto um es zu vergrößern. Foto: www.umbruch-bildarchiv.deWir machen uns Lagerfeuer. Mit unseren Strohsäcken, Isomatten und -decken richten wir uns für die Nacht ein, als es heißt, dass der Castor-Zug bei Dahlenburg mit Nato-Draht eingezäunt steht und dass die Polizeigewerkschaft (PG, „good cop“) verlauten lässt, dass vor morgen früh um 9 Uhr nix mehr geht bei denen –  großer Jubel bei uns:„Frühstück im Gleisbett“!? Über das Radio höre ich, dass die Einsatzleitung der Polizei („bad cop“) die Verlautbarungen der PG dementiert, dass darüber hinaus enorm viel Material und Einsatzkräfte bei Harlingen zusammengezogen werden und überall im Wendland Kolonnen von Mannschaftswagen in unsere Richtung unterwegs sind, die Radioleute sagen, dass wir wachsam sein sollten und mit der Räumung noch heute Nacht rechnen müssen. Ich gehe zu den Gruppen an den Feuern, wecke die schon Schlafenden und berichte über das Gehörte, wir bereiten uns vor.


Ich bin kaum damit fertig, da kommt tatsächlich die Nachricht per Megafon: Wir sollen geräumt werden, und wie zur Bestätigung dröhnen kurz danach über Polizeilautsprecher die amtliche Auflösung der Versammlung und die Aufforderung, die Schienen zu verlassen usw., was in Pfiffen und Buh-Rufen untergeht. Die Räumung beginnt.


Viel Mut beweisen die Blechbläser, die direkt an der Stelle, an der die Polizisten uns hochnehmen und wegtragen,  mit ihren kämpferischen Musikstücken  - u. a. mit meinem Lieblingssong „We shall overcome“ – uns ebenfalls Mut machen, auch Euch großen Dank! Wir sollten eine neue Strophe zu Pete Seegers Lied hinzufügen, ungefähr so:


„We’ll fight the Castors / we’ll fight the Castors / we’ll fight the Castors every day / so, deep in my heart / I do believe / we’ll fight the Castors till the end!”


Als ich an der Reihe bin, weggetragen zu werden, fragen mich meine Träger, ob ich selbst freiwillig gehen möchte, was ich natürlich verneine. Da ich mich unter meinen Knien gefasst halte, werde ich unter den Armen gepackt, hochgezogen und weggetragen – aber nur so knapp 30 Meter weit, als wir bei der letzten Kamera vorbei und aus dem Flutlicht heraus sind, lassen mich meine Träger fallen, ich kippe auf die Seite und liege am Boden neben einer Frau, die wohl von ihren Trägern ebenfalls dort hingeworfen wurde. „So, und nun läufst Du allein!“ rebellieren meine Träger. Darauf meine Antwort: „ Ich wüsste nicht, dass ich mit Ihnen per Du bin!“ Irgendwie schon komisch, denke ich dabei, so muss sich ein Kolonialherr fühlen, der sich gegen seine rebellischen Träger durchsetzen will. Meine Träger wiederholen die Aufforderung per Sie, aber ich mache mich ordentlich schwer und sage: „Natürlich gehe ich nicht, ich will hier bleiben und werde unter Protest weggetragen!“ Also nehmen mich meine Träger wieder auf, aber sie zerren diesmal am Rucksack, das schnürt mir die Arme ab und mit dem Bauchgurt, der das Zwerchfell hoch drückt, bleibt mir nach kurzer Zeit die Luft weg. Außerdem bekomme ich einen Tritt, vielleicht ja unabsichtlich. Aber auch meinen Trägern geht die Luft aus, ich bin ihnen eine schwere Last und der auf der rechten Seite flucht, dass er schon 26 Stunden Dienst hatte und nun so was. Ich sage ihm, dass auch ich schon genauso lange nicht mehr geschlafen habe, nix Besonderes also. Nach knapp 50 Metern werfen sie mich erneut hin, diesmal schlage ich mit der Nase gegen den Stiefel des Trägers auf der Linken und mit dem Kopf auf den Boden, meine Brille fällt mir herunter. Und da mache ich den Fehler, meine Hände zu lösen, meine Nase zu befühlen – tut ordentlich weh –  und die Brille wieder aufzusetzen: Sofort packen mich meine peinigenden Träger an den Unterarmen, und mit Kopfnüssen – so kommt es mir vor – werde ich hochgezogen und nun weitergeschleift. Der links versucht, meinen Arm auf den Rücken zu drehen, ich halte dagegen, und weil der Rucksack recht groß ist, lässt er das sein, der Arm kommt nicht auf den Rücken. Während sie mich den Weg entlang schleifen, sagt der rechts: „Na siehst Du, geht doch!“ worauf ich ihm sage, dass wir immer noch nicht und nun schon gar nicht per Du seien. Ich antworte ihm weiter: „Es geht überhaupt nicht gut alles!“ und erkläre beiden, warum ich das eigentlich mache, und dass ich finde, dass eigentlich alle zusammen diese Castor- Transporte und den Atomwahnsinn verhindern sollten – „In 20 Jahren müssen sonst wie bei der Asse die Castoren mit neuen Milliardenkosten aus dem Salz geholt werden, und Ihnen und Ihren Kindern fehlt das Geld in der Lohntüte und bei dem Kinderkrippenplatz!“ – und außerdem die Gesundheitsgefährdung und so weiter.


Derweil sind wir durch eine Unterführung unter dem Bahndamm in der Gesa angelangt, das ist ein Lager auf einem abgeernteten Maisfeld, so eine Art riesige Wagenburg mit 5 Wasserwerfern und 3 oder 4 Räumpanzern an den Ecken, zwischen denen jede Menge Mannschaftswagen etc. Stoßstange an Stoßstange im Flutlicht ein Rechteck von ca. 150x200m bilden, in der Mitte ein paar Dixie-Klos – super, denke ich, ist wohl von der kroatischen Interventionspolizei ausgedacht worden, deren Offiziere mir unterwegs beim Weggetragenwerden auffielen mit ihren andersartigen Kopfbedeckungen, ich hatte sie schon auf der Treckerblockade in Splietau gesehen, „Policija“ steht hinten drauf, super also, die haben wohl Erfahrung mit so was.


Da es friert, hole ich mir bei einem weißen LKW eine Decke, eine dünne Aldi-Decke aus Polyester bei der Kälte denke ich, wie soll das gehen? Zum Glück haben die VolxköchInnen durchgesetzt, dass es bei ihnen etwas zu Essen und zu Trinken geben kann hier bei ihrem Wägelchen – Danke! – und so sitze ich wenigstens nicht mit leerem Magen hier in der Kälte. Mir fallen ein wenig die Augen zu, doch da höre ich  - träume ich etwa? – unsere Samba-TrommlerInnen von außerhalb des Lagers, sie trommeln noch öfter in der Nacht und am Morgen, sie werden mit Freude begrüßt und mir steigen die Tränen in die Augen, man hat uns hier nicht vergessen, großen Dank!


Irgendwann geht auch die kälteste Nacht zu Ende, der Raureif knirscht, wenn ich über den Acker mal eben im Flutlicht aufs Klo gehe – menschenunwürdig und auch eklig das Ganze, die Wahrheit ist eben auf’m Platz!


Und dann kommt der Castor-Zug auf dem hoch über uns verlaufenden Gleis: ein Hubschrauber der Bundespolizei vorweg kündigt ihn an, aus den rötlich-braunen Begleitwaggons mit ihren albernen Verzierungen von aufgemalten Kringeln und Kreisen – die sollen wohl einen harmlosen Urlaubstrip vortäuschen – machen arme, bald verstrahlte Menschen Urlaubsfotos von uns, ich sehe die Blitze. Und sie müssen sehen, dass viele ihnen den Effenberger zeigen, eine Bezugsgruppe hat sich etwas Besonderes ausgedacht: sie lassen trotz der Kälte ihre Hosen herunter, drehen sich gebückt mit dem Rücken zum Zug und rufen immer wieder laut: „Wir zeigen dem Castor sein wahres Gesicht!“ Werden wirklich schöne Fotos sein von dort oben.


Es dauert noch, bis wir freigelassen werden, und ich gehe zu einem der Weichmacher der Polizei, er hat eine Leuchtfarbenweste an, auf der groß „Polizei“ und „Konfliktmanagement“ steht, und er hat ein Namensschild. Ich spreche ihn an, dass er doch sicher wisse, dass bei einer Gewahrsamsnahme unverzüglich, aber spätestens nach 5 Stunden ein Richter über den einzelnen Fall zu befinden habe. Ich bin nun schon weit mehr als 5 Stunden hier gefangen, wo denn der Richter sei und wo sein Beschluss in dieser Sache, frage ich den Weichmacher.


Herr H. hat mir zugehört und mich dabei ein wenig erschrocken angeschaut, nun zaudert er etwas und nuschelt davon, dass ein Richter heute Nacht schon hier gewesen sei und alles für in Ordnung befunden habe, den entsprechenden Bescheid, der schon vorliege, werde ich später in Kopie zugestellt bekommen, wenn ich mich bei der entsprechenden Stelle im Lager ausweise und registrieren lasse. Also auch da alles ungesetzlich, sage ich ihm und wende mich ab – das wäre ein schöner Bescheid, mit einer Aufstellung der Kosten für den Einsatz und das Lager und so weiter, denke ich, lass mal stecken.


Endlich kommen wir frei, und mit der mehr zufälligen Hilfe von Helga und hauptsächlich Peter komme ich wegen der erstaunlich guten Ortskenntnisse xmalquer über Straßen und Feldwege nach Splietau, wo ich einen wunderbaren, heißen Kaffee und ein Brot am Feuerkorb genieße. Auf der Kundgebung dort spricht dann Martin Donat, der stellvertretende Landrat des Kreises, zuerst von einer Katastrophe und dann von einer wunderbaren Lehrstunde in Demokratie, die wir alle gegeben hätten bei dieser Blockade und bei der Räumung, alle hätten sich so wunderbar demokratisch verhalten, und ich kann das nicht teilen, wie jeder nachvollziehen kann nach der Lektüre dieses Berichts.


Schließlich versöhnt mich dann die Samba-Gruppe mit dem Tag und ich kann meinen letzten Samba Chulipa für heute tanzen.


Michael aus Hamburg
Der Name und die Anschrift des Verfassers sind uns bekannt. Gegebenenfalls stellen wir einen Kontakt her

 
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