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Bericht von der Schienenblockade in Harlingen während des Castor-Transports 2010 Drucken E-Mail

Helga E.
9.11.2010


Bericht
von der Schienenblockade in Harlingen
während des Castor-Transports 2010


Um einen relativ genauen Eindruck zu geben, schildere ich hier den Ablauf der Gleisblockade in Harlingen etwas ausführlich:


Am Sonntag, 7.11.2010, kam ich (63 Jahre) mit meinen beiden Söhnen (28 und 31 Jahre) über Hitzacker nach Harlingen. Dort parkten wir das Auto und machten uns zu Fuß mit den übrigen Demonstranten auf zur Schiene. Es war ein unglaublich langer Zug von Menschen, der sich entlang eines Feldes und im Wald bewegte. Hierzu gleich noch eine Anmerkung. Obwohl der kürzeste Weg quer über das Feld gewesen wäre, gingen die tausenden Menschen am Feldrand entlang, um nicht das Feld des Bauern zu zertrampeln. Das hat mich sehr beeindruckt!

 


Als wir dann gegen 11.00 Uhr in langer Reihe entlang der Schiene oben an der Böschung standen, liefen oder rutschten alle fast gleichzeitig den Hang herunter, um auf die Schiene zu gelangen. Die wenigen Polizisten, die dort standen, waren angesichts der Masse der Demonstranten völlig überfordert. Einige verhielten sich einfach ruhig, während einzelne allerdings versuchten, Demonstranten abzudrängen. Das sah so aus, dass zwei mal Polizisten an mir zerrten, um mich von der Schiene fern zu halten, aber ich konnte mich hinsetzen und sie ließen sie mich dann in Ruhe. Allerdings konnte ich beobachten, dass ein anderer Polizist eine junge Frau an einem Arm quer über die Schienen und den Schotter bis hinter die Gleise entlangschleifte. Ein anderer Polizist hat einen älteren Mann mit Pfefferspray in die Augen gesprüht, der anschließend dadurch noch große Kreislaufprobleme bekam. Er wurde von Sanis behandelt und saß stundenlang an einen Baum gelehnt neben der Strecke.


Anschließend haben die Beamten den Widerstand aufgegeben und uns gewähren lassen. Unsere Anzahl war auch viel zu groß, als dass sie dagegen etwas hätten unternehmen können.


In den vielen Stunden, die wir dort verbrachten, konnten wir das sehr unterschiedliche Verhalten der Polizisten gut beobachten. Mit einigen konnten wir friedlich sprechen, von uns angebotene Mandarinen oder Müsliriegel lehnten sie allerdings mit der Begründung ab, dass sie selber genug dabei hätten.


Innerhalb so vieler Stunden lassen sich allerdings menschliche Bedürfnisse nicht vermeiden. Chemie-Toiletten waren natürlich auf den Gleisen nicht vorhanden und so mussten wir auf den Graben oder die Böschung ausweichen. Ich dachte, es sei einfacher, wenn es dunkel ist. Aber die Polizei hatte ja von oben auf der Böschung Scheinwerfer auf die Blockierer gerichtet. Das ist ja grundsätzlich in Ordnung. Aber nicht mehr in Ordnung ist es, wenn sie gezielt die Scheinwerfer auf diejenigen Personen richten, die sich auf der Böschung der menschlichen Bedürfnisse erleichtern. Frauen mit heruntergezogner Hose im Scheinwerferlicht zu sehen, muss doch für einige Polizisten eine besondere Freude gewesen sein, denn auf die Proteste der betroffenen Frauen und einiger Demonstranten kamen nur hämische Antworten ähnlich wie: "Oh Marie" und ähnlich. Dieses Verhalten der Polizei trägt natürlich zum Aufbau von Aggressionen bei. Selbst wenn ein einzelner Polizist eine solch ausfallende Aktion durchführt, hätten die Kollegen eingreifen können. Das ist leider nicht geschehen und diese Vorfälle sind wirklich aufs Schärfste zu verurteilen.


Ansonsten verliefen die vielen Stunden auf der Schiene ruhig. Allerdings wurde es bitter kalt. Stroh und Decken war nur in geringer Anzahl verfügbar und bei weitem nicht ausreichend. Die vielen wendländischen Helfer taten zwar ihr Möglichstes, um uns zu versorgen, das war aber aufgrund des Geländes nicht so gut auszuführen. Aber ein Becher heißer Tee hat schon Wunder bewirkt. Und es kamen Helfer mit Säcken von Kleiderspenden. Ein weiteres T-Shirt unter dem eigenen Pullover ist bei der großen Kälte schon hilfreich und eine normalerweise viel zu große Herren-Hose über meinen eigenen vier Hosen hilft auch, die Beine zu wärmen. Auch die Musiker hielten uns mit ihrer Musik warm und trugen zur guten Stimmung und Durchhalten bei. An dieser Stelle tausend Dank für die vielen Hilfen.


Ca. gegen 1.30 Uhr nachts begann die Räumung. Am  Beginn der Blockade wurde wohl mit Megaphon die Durchsage gemacht, dass die Versammlung aufgelöst sei und nun geräumt wurde, allerdings kam diese Durchsage weder bis zur Mitte geschweige denn bis zum Ende an. Wir saßen ungefähr in der Mitte der Blockade. Gegen 3.00 Uhr - nach 16 Stunden auf der Schiene! - wurden wir geräumt. Das ging so vor sich:


Eine Beamtin kam und fragte mich, ob ich die Durchsage gehört hätte, dass die Versammlung aufgelöst sei. Ich verneinte und bekam zur Antwort, dass sie mir das zwar nicht glaube, aber sie es mir hiermit noch mal sagen würde. (Anmerkung: Wie kann ich ca. 500 m weit und mit einer Bläser-Musikgruppe neben mir eine Megaphon-Durchsage verstehen? Da sollte meine Aussage, dass ich diese Ansage nicht gehört habe, auch für die Polizei glaubwürdig sein). Die Frage, ob ich freiwillig gehen wolle, verneinte ich und sagte, dass ich mich wegtragen lassen wolle. Die Beamtin stöhnte auf und ein Kollege übernahm daraufhin für sie die Aufgabe. Die zwei Polizisten schleiften mich erst mal vom Gleisbett über die Schienen und baten mich dann, mitzuhelfen. Der Bitte kam ich - widerstrebend - nach. Sie kündigten mir an, dass es weh tun würde, wenn ich Widerstand leiste, ich antworte, dass ich ja sehen werde, wie weit sie gehen würden. Sie drehten mir die Arme auf den Rücken und gingen so mit mir Richtung Polizeikessel. Ich muss aber sagen, dass die Beamten sich wirklich bemühten, die Schmerzen nicht zu groß werden zu lassen und nach einiger Zeit auch meine Arme wieder nach vorn nahmen, weil "ich ja doch wohl vernünftig" sei. Es gab freundliche Gespräche mit beiden Beamten. Einer sagte mir: "Tja, nun hat ihre schöne Hose wohl gelitten". Da musste ich aber doch lachen und bedankte mich für die Anteilnahme. Ich klärte sie darüber auf, dass dieses eine alte viel zu große Herrenhose sei, die aus einer Kleidersammlung stammte, die eine mitleidige Seele an die Schiene gebracht hat und die ich zum Schutz gegen die Kälte über die Lage meiner eigenen vier Hosen gezogen hatte. Sie fragten mich weiter, ob die Nacht denn nicht trotzdem sehr kalt gewesen sei. Und ich antworte ihnen, dass es natürlich bitter kalt sei, ich dieses aber für meine Überzeugung, die Atompolitik zu stoppen, in Kauf nehmen müsse. Das konnte einer der Beamten sogar gut verstehen. Ich brachte in Erfahrung, dass "meine" Polizisten aus Hannover kamen. Vielen Dank an die lieben Hannoveraner.


Einer meiner Söhne wurde über die Schienen hinweggetragen und ging dann auch mit beiden zu Fuß weiter, dem anderen wurden anfangs die Finger sehr schmerzhaft verdreht, trotz lautem Protestschreien, wurde nicht nachgelassen, sondern erst als er sozusagen "freiwillig" mitging.


Ich will mit dieser Schilderung zum Ausdruck bringen, dass die Beamten sehr unterschiedlich reagiert haben. Ich will aber auch weiter dazu klar machen, dass die Polizeibeamten ausgebildet sind im Umgang mit Demonstranten. Und ein Verhalten wie das Wegzerren an einem Arm über die Gleise, der Einsatz von Pfefferspray in Augen oder das Beleuchten von Personen, während sie sich der menschlichen Bedürfnisse erleichtern, ist in keinster Weise gerechtfertigt und auf das Schärfste zu verurteilen.

Während der Gewahrsamnahme bekamen wir jeder eine Decke von der Polizei gestellt. Es stand auch ein Karton mit sog. Rettungsdecken dort. Bei einer Nacht mit Minustemperaturen auf der kalten Erde ist das allerdings nicht ausreichend. Wir haben schrecklich gefroren. Es gab zum Glück noch heißen Tee (ich weiß nicht, von wem er gebracht wurde) und warmes Essen der Volxküche.


Erwähnen möchte ich aber noch die im übrigen wirklich gute Stimmung der Demonstranten. Gegen Morgen liefen Hunderte von Demonstranten, eingewickelt in die Polizeidecken in langer Reihe am inneren Kreis des Kessels entlang und riefen immer wieder im Chor: "Lasst uns gehen, lasst uns gehen ..." (oder so ähnlich). Als eine Durchsage kam, dass ein Vater seine Tochter namens Melanie Schulz (?) suchte und diese bitte zum Duchlass kommen solle, machten sich wieder Hunderte auf zur Polizeikette am Durchlass und riefen: "Wir alle sind Melanie Schulz, wir alle sind Melanie Schulz ..." und anschließend kam der Ruf: "Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg". Dieses zeigt doch deutlich, wie friedlich die Demonstranten sind und trotz allem weder Humor noch Phantasie verlorengegangen sind.


Der äußeren Ring des Kessels wurde von Polizeifahrzeugen und einigen Wasserwerfern gebildet. Als der Castor dann kam, wurden die "Kanonen" des Wasserwerfers alle auf die Demonstranten gerichtet. Zwar wurde das Wasser nicht angeschaltet, aber trotzdem! Die Personen, die sich in ihrer eigenen Stelle der "Ingewahrsamnahme" befanden, Menschen die sie selber dorthin gebracht und dort festgehalten haben, wurden mit Wasserwerfern bedroht !


Gegen 9.00 Uhr Montagmorgen, nachdem der Castor in der Verladestation in Dannenberg eingetroffen war, konnten wir den Kessel verlassen.


16 Stunden auf der Schiene und 6 Stunden im Kessel bei eisiger Kälte.  Wenn sich nun hoffentlich in der Atompolitik etwas ändert, war es mir diesen Einsatz wert.

Anmerk. Admin.: Der Name des Mädchens war Miriam Schulz. "Wir heißen alle Miriam Schulz". Die Situation versteht nur, wer es erlebt hat.
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